Archiv für den Monat: Januar 2018

Leder oder Plastik?

IMG_20180124_095115 (2)Der Motor erstirbt, der Unimog kommt hinter einer Düne zum Stehen. Ein Badeort im Winterschlaf an der französischen Atlantikküste. Kein Mensch weit und breit, alle Bars und Shops vernagelt, die Bürgersteige hochgeklappt.

Hinter der Düne liegt der Atlan-tische Ozean, die Wellen deutlich zu hören. In der Nähe schiebt ein Schaufellader durch den Sand.

Auf dem Dünenkamm angekommen, sieht man das Meer. Ein Meer aus Müll.

Ein Strand übersät mit Plastikabfällen. Flaschen, Fischernetze, Tonnen, Etiketten, Dosen,… unklar, ob sie von den Badegästen der vergangenen Saison stammen, über Bord von Besatzungsmitgliedern vorüberfahrender Schiffe gekippt wurden oder einem Container auf dem Weg nach China stammen, der mit europäischen Wohlstandsresten in seinem Bauch bei einem Sturm in der aufgepeitschten See landete.

IMG_20180124_093204 (2)Der Schaufellader scheint gerade dabei ist, all das Plastikzeug unter den Sand zu pflügen. Jedenfalls entsteht kein Plastikhaufen, der abtransportiert werden könnte.

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Der Frosch auf dem Totenkopf

Salamanca! Eine Stadt mit einer besonderen Bedeutung – sie verfügt über eine bekannte Universität, und diese war relativ früh relativ fortschrittlich:

Sie wurde im Jahr 1218 gegründet. Schon im 16. Jahrhundert, als hier in der sogenannten Schule von Salamanca der Grundstein für die neuzeitliche humanistische Naturrechtslehre gelegt wurde, zählte sie 8000 Studenten. Die Universidad de Salamanca wurde zu einer der wichtigsten Bildungsstätten Europas. Unter den bekanntesten Dozenten befinden sich Fray Luis de León und Miguel de Unamuno. Lope de Vega, Calderón de la Barca und Miguel de Cervantes holten sich in Salamanca das geistige Rüstzeug für ihre dichterische Arbeit.

So lautet es im Wikipedia-Eintrag zu der kastilischen Stadt. Mein Quasi-Stiefvater, Lebensgefährte meiner Mutter, nachdem mein Vater im Alter von 45 Jahren gestorben war, gebürtiger Spanier und früher Mentor, hatte mir von dieser Universität bei einer Campingtour durch Spanien (bei der ich 16 Jahre alt war) erzählt: als einem Ort der Geistesschulung und des freien, offenen Denkens. Mein Weg zur Geisteswissenschaft begann in jenem Moment.

Nachstehend Bilder der Kathedrale (Klick aufs Bild für große Version):

Eine Universität, die von Tradition trieft. El Gran Teatro del Mundo (Das große Welttheater) von Calderon de la Barca las ich später in deutscher Übersetzung – gelbes Reclam-Büchlein; Ältere erinnern sich. Die üblichen Versatzstücke des Don Quijote von Cervantes kenne ich selbstverständlich. Die ganze Geschichte des scheinbar verrückten Mannes aus der Mancha war immer ein Reiz – vor allem im Original.

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Geier-Valley im Lichtschutzgebiet

Geier am Pena Falcon

Perlen liegen unentdeckt am Wegesrand. Galicien mag durch Granit-Berge und krickelige Rias eine relative Bekanntheit erreicht haben, Andalusien kennt jeder. In der Mitte Spaniens liegt unbeachtet oder unbekannt die Extremadura. Sie gilt als karg.

In HemingwaysWem die Stunde schlägt“ über den Spanischen Bürgerkrieg gilt sie dem republikanischen Partisanenchef Pablo als eine unwirtliche Region, in die seine Bauernguerilla wohl flüchten muss, wenn ein Sprengstoffanschlag auf eine für die Faschisten logistisch wichtige Brücke im Raum Segovia gelingen sollte. Schlimmer noch ist nur die Flucht in die Kälte der der Extremadura nahegelegene Sierra de Gredos, einem Hochgebirge.

Eine terra incognita galt es zu entdecken: Stein- und Korkeichenwälder, in denen – ein Merkmal der Dehesa – Rinder, die besonderen Iberischen Schweine, Schafe, Ziegen auf großer, weiter Fläche mit locker verteiltem Baumbestand weiden. All diese Tiere sind dem Tod durch den Schlachter geweiht; aber wenn es einen Ort gibt, wo sie ihr Leben glücklich bis zum vom Menschen herbeigeführten Ende verbringen können, dann muss es wohl eine Dehesa sein.

Bildergalerie zum Monfragüe-Nationalpark in der Extremadura (größere Version nach Klick aufs jeweilige Bild):

In der Extremadura liegt der Nationalpark Monfragüe, eine Perle in der Perle, ein Biosphärenreservat und eine Starlight Reserve – ein Lichtschutzgebiet.

Ein Lichtschutzgebiet (englisch dark sky place, DSP) ist ein Schutzgebiet in Umwelt-, Natur- und Landschaftsschutz, in der nächtliche Dunkelheit durch sehr geringfügige Lichtverschmutzung („Lichtsmog“) als Schutzgut gesehen wird.

(Zitat: Wikipedia)

Der Nationalpark gilt als Paradies für Vogelbeobachter. Besonders der Pena Falcon genießt dabei einen besonderen Ruf: Ein schroffer, karger Felsen mit eigentümlichen Farben, dessen Risse und Löcher hervorragende Nist- und Brutplätze abgeben für Geier. Rund 80 Paare Gänsegeier sollen dort leben.

Ein Start- und Schlafplatz für manchmal 60 Kilometer weite Flüge auf Nahrungssuche in die umgebende Dehesa, auf der Suche nach vorzeitig verstorbenen Rinder, Schweinen, Schafen, Ziegen.

Den Pena Falcon kann man von der Straße aus beobachten, oder von dem gegenüber liegenden Felsen, auf dem sich ein verfallenes maurisches Kastell befindet. Der Asphaltweg vom Parkplatz ist zu Fuß gut zu bewältigen – dennoch ignorieren nicht wenige Besucher das Einfahrtsverbot für Kraftfahrzeuge. Klick, klick, schnell, schnell, und weiter.

So fliegen die Geier, rund 50 an der Zahl, über einem, unter einem, neben einem. Der Wildnispädagoge jauchzt vor Glück (auch, als am nächsten Tag eine Hirschfamilie ohne Scheu unseren Weg kreuzt).

Nachts lässt einen der Wolkenschleier erahnen, wie die Sternenpracht im Lichtschutzgebiet wohl funkeln würde, wenn der Himmel klar wäre. Der Grünimog verfügt im Alkoven tatsächlich über ein Stargazing Window – ein ehemaliges Schiebedach eines Renault Twingo wurde dort quer eingebaut und ermöglicht auch im aufgefahrenen Zustand eine weitgehend kälte- und windgeschützte Sternensicht.

Es ist Winter: Orion ist trotz Bewölkung deutlich zu erkennen. Und damit Beteigeuze – wo Ford Prefect, Buchrechercheur des „Anhalter durchs All“  herkommt.

Kastelle und Kathedralen

IMG_2880 (2)Um das Städtchen Reguengos de Monsaraz – wieder im Alentejo, aber nicht an der Küste, sondern hart an der Grenze zu Spanien -, liegt eine bekannte portugiesische Weinregion; wir fuhren an den Keltereien vorbei, obwohl der Vinho Verde-Vorrat der Quinta de Pereirinhas im nordportugiesischen Monção schon abgenommen hatte. Im kleineren nahegelegenen Monsaraz, schlugen wir die Zelte auf. Heißt: parkten den Grünimog unterhalb des Kastells.

Über Nacht hoch über der mäandernden Flusslandschaft des Guadiana, unterhalb des Kastells und der historischen Stadtmauern: Wir aßen in einem schönen Restaurant (dem einzigen geöffneten) und bummelten nachts durch die beleuchteten alten Steinauftürmungen. Tags darauf ein Abstecher zu einer Stätte mit Menhiren und Dolmen, bevor wir gen Cáceres fuhren.

Bildergalerie zu Monsaraz (größere Version nach Klick aufs jeweilige Bild):

Zuvor hatten wir auf portugiesischer Seite Castro Verde, Mertola und Évora passiert, auf spanischer Merida. Alles Orte, die einen Besuch verdient hätten…, besonders Merida (vor allem, wenn man zuvor in Rom und Jerusalem war). Aber eigentlich galt unsere primäres Interesse als Coyote Teacher der Natur der Extremadura, und dann erst den historischen Kastellen und Kathedralen und anderen baulichen Kunstwerken… in einer Gegend, in der sich Mauren und Christen hin- und hergetrieben haben.

Also übernachteten wir auf einem offziellen Wohnmobil-Stellplatz zu Füßen der verwinkelten Altstadt Cáceres’ (siehe vorstehende Bildergalerie) mit ihren vielen kleinen, zum Verirren anregenden Gassen und stromerten inmitten der alten Gemäuer herum.

Währenddessen die Insassen benachbarter weißer Wohnmobile den Abend bei aufgestellten Satelliten-TV-Schüsseln verbrachten.

Freiheits-Postulat & Neo-Imperialismus

Klippe am Praia dos Tomatos

Leinen los zur rechten Zeit: Die Praia da Marinha verließen wir am Dienstag Mittag offensichtlich rechtzeitig – ein oder zwei Tage später wurden die dort frei stehenden Wohnmobilisten von den portugiesischen Ordnungshütern verscheucht und Erdwälle aufgeschüttet, um den Zugang zum Gelände oberhalb der Klippen des Strandes zu versperren.

Solcherlei kommt an der von überwiegend weißen Wohnmobilen mit französischer, niederländischer, britischer und deutscher Besatzung an Bord überfüllten Algarve nicht selten vor – zu viele Plastik-Protzkisten mit zu vielen ignoranten Besitzern sind unterwegs. Da bricht sich eine Art Neo-Imperialismus die Bahn, der sich in Landnahme untem Freiheits-Fähnchen äußert: Der weltenbummlerische Wohnmobilist nimmt sich die Freiheit, auf jedem Fleckchen Land zu stehen, das ihm gefällt, möglichst nahe am Strand, am See, an den Klippen, am Fluss.

Spießbürger in Sandburgen

Die berechtigten Interesse der Anwohner auf freien Ausblick oder auch nur Sauberkeit fallen diesem Freiheitsdrang zum Opfer, vom Motto der Urban Explorerleave nothing but footsteps, take nothing but pictures – hat diese Fraktion der postmodernen Pseudo-Nomaden im Zeichen der Satelliten-Schüssel selten gehört. In Facebook-Gruppen stellt sich solche Selbstgefälligkeit, ohne es zu merken, an den Pranger: Empörung wogt, wenn das vermeintliche “Recht”, sich wo’s beliebt hinzustellen, und den mobilen Hausrat samt Wäsche flächendeckend auszubreiten, angezweifelt wird. Ihren Unrat lassen sie gerne da.

Die Spießbürgerlichkeit des Häuslebauers unter Schuldenlast wird nahtlos ins mobile Eigenheim transferiert. Die Kosten der Unterkünfte liegen mitunter nicht weit auseinander. Und umgekehrt: Wie würden die Nachbarn im mittelhessischen Pendlerdorf reagieren, käme ein Edelwohnmobilfahrer mit EU-Kennzeichen auf dem Feldweg an der Apfelbaumreihe des anrainenden Hügelkamms zu stehen, nachdem er ein paar Büsche umrangiert hat und erklärte, es gefalle ihm hier so gut, dass er ein paar Tage bliebe?

Verhalten sich Offroad-Reisemobilfahrer anders? Meist ja, denn ihr reduzierter Lebensstil und ihre Reise-Erfahrungen in ferne, arme, ressourcenknappe Länder verleihen ihnen häufig eine andere Sensibilität (häufig, nicht immer, nicht bei jedem). Meine These bestätigt ein bayerisches Paar mit einem 416er Unimog, der dezent geparkt am Praia da Marinha stand. Sie erwiesen sich als langjährige Land Rover-Afrikareisende; sie waren auf dem Weg in den Maghreb, und wir tauschten Marokko-Geschichten aus.

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