Coyote Mentoring: am Sitzplatz

Sitzplatz in der Abenddämmerung



Das erste Modul unserer Ausbildung zum Wildnispädagogen nach Art des „Coyote Mentorings“ liegt rund eine Woche zurück. Wir brennen darauf, loszulegen und die erworbenen Kenntnisse anzuwenden. Vor allem natürlich, die Sitzplatz-Kernroutine zu etablieren.

Den Sitzplatz soll man zu allen Jahreszeiten, allen Tageszeiten, bei jedem Wetter mindestens einmal pro Woche eine Stunde besuchen. Seine Fauna und Flora kennen lernen, ja Freundschaft mit ihr schließen. Sich ihr vorstellen und fragen, ob man Gast sein darf. Mein Sitzplatz liegt inmitten einer Apfelbaumreihe auf den Feldern zwischen Mittelbuchen und Wachenbuchen.

Rucksack und Regenhose

Wenn man so will, der erste Besuch an meinem Platz im Laufe des “wilden” Jahres der Ausbildung zum Wildnispädagogen. Auch ein Test des bisher dafür zusammengestellten Equipments – besonders der neuen Engelbert-Strauss-Regenhose, als auch von Rucksack und Wetterfleck.

Die Regenhose hatte ihre erste Bewährungsprobe sehr früh zu bestehen, als ich im strömenden Regen auf dem Weg zu einer Senke hinunter auf Schlamm und Matsch gleich zweimal kurz hintereinander ausrutschte und mich im wahrsten Sinne des Wortes lang legte… schon war sie verschlammt und verdreckt. Der Rest meiner Kleidung eigentlich auch.

Mit den Krähen krähen

Ich bemühte mich leise und vorsichtig zu gehen. Aber bei solchem Regen bleiben wohl auch die meisten Tiere in ihrer Deckung; außer einigen wenigen Krähen war nichts zu sehen und zu hören. Wenn man von den Windrotoren absieht, die auf dem Hügelkamm auf Schönecker Gemarkung stehen und deren Flügel aus Regen, Dunst, Wolkenfetzen herauslugten.

Ich krähte selbst zweimal, erhielt aber keine Antwort.

Sitzplatz bei Sonnenaufgang



Mein Sitzplatz auf einer kleinen, überwucherten Mauer ermöglicht einen weiten Blick ringsum. Und bis hin zum Spessart im Nordosten. Eine Weile schloss ich die Augen, um mich allein aufs Hören zu konzentrieren – wieviel deutlicher wurden da die Geräusche der Regentropfen!

Innerlich konnte ich gut beim Draußen-sein bleiben. Beim Atmen. Beim Sitzen. Beim frischen Gefühl der etwa fünf Grad Celsius. Den Loden-Wetterfleck hatte ich übergezogen; darin fühlt man sich immer geborgen. Meinen Rucksack ließ ich im Regen stehen, um dessen Wasserfestigkeit zu testen.

Tun als draußen-Sein

Da außer Krähen kein Tier zu sehen war – jedenfalls kein größeres; im Gras zu meinen Füßen werden einige kleine gewesen sein – und außer einem Geräusch, das von einem Rebhuhn gestammt haben könnte – nichts zu hören (außer Regentropfen und Windrotoren), verlegte ich mich auf die Aufgabe des Kartografierens zu verlegen. Genauer: Dem Auswendiglernen der näheren Umgebung meines Sitzplatzes, um sie zu Hause aus dem Gedächtnis in eine Art Karte zu zeichnen.

Eine wertvolle Zeit: Nichts weiter tun als draußen-Sein.

Coyote Mentoring: Ein Kreis schließt sich

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Mit dem Gelände-Reisemobil unterwegs zu sein, bedeutet, nah dran sein zu wollen. Intensiv zu (er-)leben. Kontakt zur Umgebung zu haben. Sich nicht abzuschließen. Mit einem Reisemobil verschanzt man sich in der Regel nicht auf einem Campingplatz, sondern sucht freie Stellplätze. Sucht Natur. Sucht Nähe.

Und man lebt in einem Reisemobil auch quasi öffentlich. Jede/r kann nahe herantreten, man macht die Tür auf und ist in der Öffentlichkeit. Da man sich nicht ständig in der beengten Wohnkabine aufhalten kann, lebt man im “Vorgarten” – der Garten ist die Natur bzw. die Umgebung mit all den Menschen, Tieren, Pflanzen.

Coyote Mentoring-Ausbildung beim Wurzeltrapp

Im vergangenen Jahr hatte ich drei Veranstaltungen der Wurzeltrapp Wildnisschule besucht, weil mich der Ansatz des “Coyote Teachings” bzw. “Coyote Mentoring” gereizt hatte: Die Natur nach indianisch-nativer Art wahrzunehmen und Natur jenseits vom westlich-wissenschaftlichen Blick zu verstehen und zu erleben, eröffnet so viel mehr an Naturverbundenheit.

Das Coyote Mentoring, die grundlegende Lehrmethode der Wildnispädagogik, wurde verschiedenen Naturvölkern und indigenen Kulturen abgeschaut. Es umfasst natürlich Bushcraft & Survival Skills bzw. diverse Outdoor-Techniken, aber darüberhinaus auch Wahrnehmungs- und Einfühlungsschulungen und ein Verständnis für Wechselwirkungen in der Natur, die über lexikalisches Wissen zu einzelnen Tieren und Pflanzen weit hinausgeht.

Nachdem ich im Mai 2016 die “Kernroutinen” des Coyote Mentorings an einem Wochenende kennengelernt hatte, hatten wir mit den Instructors unserer Krav Maga-Schule ein September-Wochenende zu Laubhüttenbau, Vogelsprache und Fährtenlesen im Outdoor-Zentrum Lahntal verbracht. Darüberhinaus hatte ich im Oktober den Greifvogeltag des Offenbacher Vereins “Erdwissen” besucht.

Beate und ich waren so angetan von dem, was wir erlernten und erlebten, dass wir beschlossen, in die vollständige Ausbildung zum Wildnispädagogen beim Wurzeltrapp einzusteigen. Um wieviel mehr müsse man das Reisen mit einem Offroad-Reisemobil genießen, wenn man über eine Schulung zum Coyote Teacher verfüge, war die Überlegung.

Survivalkurs im Hunsrück

Am zurückliegenden Wochenende schloss sich mit dem ersten von sechs Modulen der Wildnispädagogik auch ein Kreis für mich (und eröffnet sich ein neuer?): Mit Anfang 20, also Anfang der 80er Jahre, wohnte ich im Kinzigtal am Rande des Vogelsberges – täglich war ich mit meiner Schäferhündin im Wald unterwegs, ohne etwas von Fauna und Flora zu verstehen.

Und ich bemühte mich darob auch kaum; allenfalls zeigte sich der Wunsch, näher an Wald und Flur heranzurücken in einem Survivalkurs im verschneiten Hunsrück beim Survival-Spezialisten Volker Lapp (den man mit seinen Produkten und Angeboten etwa bei der Abenteuer & Allrad-Messe erleben kann).

Ein  “wildes” Jahr steht bevor

Als wir jetzt am Wochenende unser “wildes” Ausbildungsjahr am Hoherodskopf starteten, war ich überrascht, dass trotz vielen anwesenden pädagogischen Fachpersonals (meist aus der Kinder-Betreuung) nicht wenige Teilnehmer erklärten, die Wildnispädagogik eher für sich selbst zu betreiben (also wie Beate und ich) und kaum berufsorientierte Verwertungsabsichten äußerten.

(Wobei ich mir schon vorstellen kann, Wochen- oder Wochenendcamps für alle Altersgruppen als eine Mischung aus Selbstverteidigung, physischem und mentalem Training, Meditation, Achtsamkeit und Naturverbundenheit zu organisieren).

Was im Wald passiert, verraten Vögel und Fährten

Am Wochenende haben wir uns als Einstieg mit den Kernroutinen (wie etwa dem Sitzplatz) als Grundlage fürs Coyote Mentoring beschäftigt, eine Laubhütte gebaut (ging für mich beim zweiten Mal schon wesentlich besser) und uns Vogelsprache und Fährtenlesen gewidmet. Und natürlich eine Menge grundlegender Theorie abgearbeitet.

Wir sind sicher, dass sich unser Blick weitet. Und dass sich die im hessischen Mittelgebirge gewonnenen Erkenntnisse und gemachten Erfahrungen auf andere Weltgegenden übertragen lassen (Vögel etwa benehmen sich rund um den Globus grundsätzlich gleich). Abgesehen davon geht es ja beim Coyote Mentoring auch um Prinzipien der Naturwahrnehmung und des Naturverständnisses.

Bye bye, Wärme

Beim Stichwort „Überwintern“ im Süden habe ich das Wort „Winter“ nicht wirklich wahr oder ernst genommen. Ich habe nur in Richtung Süden gedacht, aber nicht daran, dass es auch irgendwann mal wieder nach Norden geht. In den Ort, an dem ich mich nach wie vor überwiegend aufhalte. Also – das Rhein-Main-Gebiet.

Portugal verlassen habe ich am vergangenen Sonntag, die Rück-Fahrt hat vier Tage bzw. vier Übernachtungen gedauert. Zu Beginn durch Algarve und Alentejo durch Korkeichen- und Eukalyptus-Wälder, Olivenhaine und Weinstöcke, an schwarzen Schweinen und braunen Rindern mit langen Hörnern vorbei. Eine Landschaft, in der man noch Wochen und Monate verbringen könnte ohne sich satt zu sehen und satt zu fühlen.

Schlaflied der Lkw-Motoren

Der Übertritt nach Spanien auf einer Landstraße ohne ihn wirklich zu bemerken: Ein Europa der offenen Grenzen ist eine großartige Sache. Trutzburgen, Wäder und Felder entlang der Strecke durch Extremadura nach Badajoz, von da an weiter über die Hochebenen gen Salamanca bis ins – abermals verregnete und grauwolkige Baskenland, die Städte und Dörfer, Industrieanlagen und Autobahnen eng in die Täler gepresst. Übernachtungen auf Rastplätzen, die von Truckern bevorzugt werden, der Unimog und sein Lenker fühlen sich in deren Umgebung wohl: Die brummenden Lkw-Diesel singen ein sonores Schlaflied.

Auch von den Lkw-Fahrern gibt es immer mal wieder einen anerkennenden bis begeisterten Blick auf den Grünimog, gar eine „Daumen hoch“-Geste. Im Verhältnis zu den Sattelschleppern ist der Unimog mit seinen sechs Metern Länge zwar winzig, aber offensichtlich doch akzeptiert. Tatsächlich scheint das Pupsen der Druckluftbremse klarzustellen: Ich bin einer von euch!

Fahren als Meditation

Beinahe durch die ganze iberische Halbinsel bieten die Autovia A-66 und A-62, kostenfrei mit 80 km/h Höchstgeschwindigkeit vorwärts zu kommen. Das bedeutet, dass ich rund acht bis neun Stunden für 600 Kilometer benötige. Man hat viel Zeit nachzudenken, das Fahren als immer langsamstes Fahrzeug auf der Strecke hat was Meditatives.

Kilometer um Kilometer wird es etwas kälter. Nach der Übernachtung im baskischen Hernani, etwa 20 Kilometer vor der Grenze nach Frankreich in Irun, ist das Dach des Unimog-Wohnkoffers mit Eis bedeckt,der Boden, wo Wasser abgelaufen ist, auch. Mir dämmert zum ersten mal: Es geht zurück in die Eiseskälte Mitteleuropas.

An Bordeaux vorbei führt die teure französische Autobahn – der Unimog kostet doppelt so viel wie ein Pkw – gen Clermont-Ferrand in die Höhenlagen der Auvergne. Das Asphaltband sauber geräumt, immer wieder Räumfahrzeuge zu sehen, aber ringsum türmt sich Schnee.

Die Überlegung dringt ins Gehirn, dass die Militärreifen des Fahrzeug, die eine vage M+S-Kennung aufweisen, so alt wie es selbst sind, die Gummi-Mischung daher vermutlich bretthart, abgesehen ist das Profil abgefahren runtergefahren. Und wenn sich siebeneinhalb Tonnen bergunter rutschenderweise in Bewegung setzen, nutzt der Allradantrieb auch nichts, genausowenig wie die enorme Bodenfreiheit und all das, was dem Unimog seine Hochgeländegängigkeit beschert.

Umweg durch die Vogesen

Ein Navigationsfehler bringt mir obendrein rund 100 Kilometer Vogesen-Landstraße und -Bergsträßchen ein, durch die ich nächtens nicht ohne Bange endlose Kurven und Spitzkehren und durch leblose Dörfer bei Schnee-Schnee-Schnee ringsum kurbele. Der Motor leckt etwas Öl (keine Ahnung, wie groß der Verlust ist), die schon mal gebrochenen Federn des Gaspedals knirschen, die Lenkung quietscht, es ist so kalt, dass der Motor keine ausreichende Abwärme mehr für die Heizung im Fahrerhaus produziert; und ist der Sprit, den ich zuletzt getankt habe eigentlich Winterdiesel?

Und mitten in der kalten Winter-Nacht irgendwo im mittelgebirgigen Nirgendwo liegen zu bleiben, ist nicht so lustig.

Mit der Lodenkotze am Steuer

Ich sitze also mit Sealskinz-Handschuhen, Alpaka-Wollsocken, Stiefeln, Salewa-Softshell und 66North-Jacke samt Loden-Überwurf hinterm Steuer. Das wird sich zwei Tage eigentlich nicht ändern. In Deutschland übernachte ich auf dem erstbesten Autohof; Hauptsache in der Nähe einer Tankstelle.

Klug gedacht: Der Abwasserbehälter ist sowieso schon längst eingefroren; nachdem die letzte Gasflasche sich vor dem Zubettgehen als geleert meldete, gibt es kein Gas für Heizung und Kochen, wodurch während der Nacht bei minus zehn Grad auch der Frischwassertank zufriert. Gut, wenn man sich in der Rückschau Bilder wie diese ins Kopfkino holen kann:

Ich schlafe unter drei Decken wohlig warm, das Thermometer gibt freilich morgens beim Aufwachen minus vier Grad an. McDonald’s mag des Teufels sein, aber in der Not frisst der Teufel fliegen, und Kaffee und Käsetoast im Warmen sind Klasse. Wie Tags zuvor schon springt der Unimog-Motor mit seinen sechs Zylindern und sechs Litern Hubraum nur sehr zögerlich an; ist immer eine Frage, wieviel Anlass-Gejuckel die Starter-Batterien bei dieser Kälte mitmachen…

Noch ein paar hundert Kilometer am Schwarz- und Odenwald vorbei nach Hause: Nach letzlich viereinhalb Tagen bei rund neun Stunden Fahrt täglich, vom südwestlichsten Zipfel Europas, rund zweieinhalbtausend Kilometer. Vor allem: Nach dem vierwöchigen „Überwintern“ zurück in den Winter. Der Unimog steht in seiner Halle, ein Heizlüfter hilft, ihn wieder aufzutauen. Ich habe den Eindruck, mich zu Hause nie wieder heimisch zu fühlen.

 

Vor- und Nach-Reiter

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Beate und Oliver B. – wohnhaft Überall, Grünimoghausen.

Es geht zurück, unweigerlich. Nach dem Kayak-  und dem Strand-Tag am Praia de Albandeira nächtigten wir am Praia de Falesia (genauer: am Praia dos Tomates), einige Kilometer weiter in Richtung Faro. Dort droht der Flughafen.

Und damit Beates Rück-Flug, und meine damit einhergehende Rück-Fahrt. Am Praia de Falesia sind wir nicht nur dem Flughafen nahe und können diesen am Folgetag in 40 Minuten erreichen, sondern auch mehr denn je dem Touristenrummel – zwischen Albufeira und Faro reiht sich ein Hotel ans andere, ein Club an den anderen, gibt es kaum Lücken zwischen Restaurants und Bars…

Grünimog – allein auf weiter Flur.

Der Grünimog, wie wir unser Fahrzeug gerne titulieren, steht wie ein urzeitliches Monster auf einem großen Parkplatz hinter den Strand-Klippen; ansonsten wird dieser von weißen Plastikmobilen beherrscht, darunter auch der ein oder andere Luxusliner. U.a. der, den wir schon in Lagos hinter der Marina sahen: Dort hatte ihn sein Besitzer fein säuberlich mit Dutzenden Litern Wasser und einem Schrubber geputzt.

Wasser scheint das Fahrzeug also im Überfluss an Bord zu haben, nicht aber genügend Strom für das, was er konsumiert – den wie könnte es sein, dass es einen lautstarken Benzin-Stromgenerator sonst bräuchte? Wir hingegen sind seit nunmehr vier bis fünf Wochen unterwegs und haben nicht einmal Landstrom gezapft. Lichtmaschine und Solarpanels sei Dank – und dass wir ressourcensparend agieren.

Ressourcen sind kostbar

Den eigentlich ist der Unimog klein (na, sagen wir: kompakt) und alle Ressourcenspeicher sind knapp dimensioniert: egal, ob die für Diesel, Strom oder Wasser. Also gehen wir sparsam mit diesen kostbaren Gütern um. Bei einer Wüstenfahrt kann man eben unterwegs nicht nachtanken; und unsere Mentalität nähert sich nach zwei Marokko-Fahrten der eines Beduinen (Dazu ein andermal mehr in einem eigenen Beitrag).

(Abgesehen davon sind offizielle Womo-Stellplätze, die man ja manchmal wegen Ver- und Entsorgung anfahren muss, meist unerträglich – ich verstehe nicht, wie man sich in Lagos auf diese Schottersteinwüste nahe des Fußballstadions inmitten des Straßenlärms stellen kann. Und auch wenn der Campingplatz Trindade mitten in der Stadt das Doppelte kosten mag, so ist er doch eine Oase der Ruhe und obendrein ganz hübsch mit seinen Hecken und Eukalyptusbäumen. Abgesehen davon steht man zwischen Marina und Strand am allerbesten; und einen Geheimtipp kann man das auch nicht nennen).

Megaliner und Solapanels

Viele Plastik-Wohnmobile scheinen so konstruiert zu sein, dass sie den heimischen Luxus und Lebensstil einfach nur auf vier oder mehr Räder stellen. Nicht ohne meine Satellitenschüssel! … scheint das Motto zu sein. Verwunderlich, dass die Solarflächen auf diesen hunderttausende Euro teuren Megalinern nicht analog zu deren Strom-Konsumption gebaut sind. Und dass sie immer Lackierungen von Touareg-Karawanen hinten drauf haben.

(Vielleicht ist es das, was ich am Grünimog so mag: Dass er so verdammt unvollkommen ist. Das hilft, agil und wach zu bleiben.)

Wohnmobiltechnik und Webdesign

Nach dem Abschied von Beate am Flughafen fuhr ich auf den Stellplatz zurück, um vor der Abfahrt den Grünimog zu checken und noch ein bisschen Ruhe zu haben. Und siehe da: André von www.amumot.de, dem ich ein Stückweit hinterher gefahren bin, bevor ich Beate in Lissabon vor drei Wochen vom Flughafen abholte, und seine Freundin Tanja von www.crosli.de stehen nunmehr auf dem Platz!

Beide kenne ich bislang nicht persönlich – nur ihre Blogs und ihre Tipps. André verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Wohnmobiltechnik, Tanja den ihren mit Webdesign und Online-Marketing. Beide leben dauerhaft in ihren Fahrzeugen. In gewisser Hinsicht bin ich den beiden seit der französisch-spanischen Grenze nachgefahren – von Salamanca und Baskenland (Zegama) über Stausee und Barril de Alva bis zum Campingplatz in Lissabon.

Das Universum kennt keine Zufälle

Schierer Pragmatismus: Unsere Portugal-Reise war so gut wie gar nicht vorbereitet, und da erwies sich Andrés Blog, in dem er seine nahezu zeitgleiche Tour zum Überwintern in Portugal beschrieb, als fantastische Quelle. Also besuchte ich ihn heute kurz in seinem “tiny truck”, der sein Zuhause darstellt und bedankte mich. Leider musste ich dann los gen Rhein-Main; so musste ein längeres Gespräch ausbleiben.

An der Südküste waren wir aneinander vorbeigefahren. Er in Boca do Rio, wir am Praia de Ingrina. Er in Albufeira, wir in Sagres. Er in Sagres, wir in Armacao de Pera. Und dann ein Aufeinandertreffen zufällig an einem Parkplatz am Praia de Falesia.

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Angler am Praia dos Tomatoes.

Da am Strand unerwartet ein Angelwettbewerb stattfand, war ich seit sechs Uhr wach – da fuhr Auto um Auto samt schwer für den Fischfang gerüsteten Anglern vor. Spätestens seit den Böllerschüssen, mit denen anscheinend der Wettkampf eröffnet wurde, dachte ich, alle in ihren Wohnmobilen müssten wach sein… Ich klopfte also an. Hundegebell, ein verschlafen wirkender Amumot-André öffnete.

Wie mein Fahr-Lehrer André Schwartz von EIne Welt Reisen formuliert, habe ich dann den “Riemen auf die Orgel” geschmissen und bin abgedampft. Mautstrecken vermeidend, war mir eine wunderschöne Route inmitten von Korkeichen- und Eukalyptuswäldern, Oliven- und Orangenhainen, Weinstöcken, schwarzen Schweinen und braunen Rindern (sowie plattgefahrenen Marder-Leichen) gegönnt.

Irgendwann, auf der Landstraße, portugiesisch-spanische Grenze: Extremadura, wo ich noch nie war. Dann Badajoz, dann Caceres. Dann Autobahn. Dann Salamanca. Morgen rund 600 Kilometer in rund neun Stunden Fahrt. Bis vor die spanisch-französische Grenze. Übernachten am Stausee bei Vitoria vielleicht? Oder wieder Zegama?


P.S. Unsere Reise-Route ab Lissabon ist Steffi von keine-eile.de (bzw. algarve-pur.de) geschuldet; d.h. genauer: Ihren Blogs wie ihrem eBook zur Algarve  Kann ich empfehlen, wer sich für einen Roadtrip in die Gegend interessiert, dem sei das PDF-Heft ans Herz gelegt.

Kayaken an der Algarve-Küste

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Strand-Landung mit dem Falt-Kayak.

In mentalen Trainings wird ist der Perspektivenwechsel ein häufig eingesetztes Mittel. Und könnte es einen besseren Perspektivenwechsel für das Landtier Mensch geben, von der See-Seite aufs Land zu schauen? Und würde das der Idee des “Amphibiums”, also: Leben an Land und am/auf dem Wasser und den Übergangszonen, besser gerecht werden?

Der Blick vom Wasser auf die Küste, zumal Steilküste, ist ein ganz anderer: Man sieht die Nischen, die Höhlen, die Seevögel auf Augenhöhe oder hoch droben, man umkurvt Felsen und paddelt in Grotten, die sonst überhaupt nicht zu erreichen wären. Ganz andere Perspektiven, ganz andere Ein-Sichten tuen sich auf.

Zwischenstopp an Land

Ein Zwischenstopp ließ uns an einem Strand landen, zu dem kein Land-Weg führte. Eine klitzekleine Robinsonade. Ein sanftes Meer und eine 18 Grad warme Sonne meinten es freundlich mit uns; wir futterten den noch aus Island stammenden Trockenfisch unseres Proviants – das bedeutet angesichts der regionalen protugiesischen Spezialität des Bacalhau (eben getrockneten, gesalzenen Kabeljaus) so etwas wie Eulen nach Athen tragen.

Rund 19 Grad in der portugiesischen Winter-Sonne – folglich wird einem in den (schwarzen) Neopren-Klamotten beim Paddeln und auch am Strand mehr als warm.

Nach unserem gestrigen Kayak-Ausflug (ok, zugegeben: Der Zusammenbau unseres Falt-Kayaks hatte mangels Routine beinahe solange gedauert wie die Tour selbst) lagen wir am Albandeira-Strand in der Sonne, als ein freundlicher Mann aus Frammersbach vorbeikam, der uns von den Klippen hoch droben wahrgenommen und fotografiert hatte. Der meinte: “Ihr seid so zu beneiden!”

Heute konnten wir die Tour nicht wiederholen oder erweitern, da Gezeiten, Wind und Wellen gegen uns waren und wir an dem Strand vor der Unimog-Haustür das Kayak nicht ins Wasser bringen konnten. Nach Fuß- und Kayak-Wandern gönnten wir uns also einen Strand-Tag nach einer Morgen-Meditation im Sonnenaufgang gegen 7 Uhr. Tatsächlich sind wir in den vergangenen Wochen häufig zwischen zehn und elf Uhr zu Bett gegangen und zwischen sieben und acht Uhr wach geworden…

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Sonnenaufgang.

Unser Unimog hat – wie so häufig – auch an diesem Standplatz für kommunikative Kontakte gesorgt; entweder dreht es sich ums Fahrzeug selbst oder um den damit verbundenen Reise- oder gar Lebensstil. Heute kamen wir u.a. mit einem Schotten ins Gespräch, der eine Pause auf seiner Wanderung die Küste entlang einlegte und sich zu uns an den Frühstückstisch gesellte.

Themen: minimalistisch reisen und leben, die kulturelle Linie der Kelten von den britischen Inseln über die französische Bretagne und das spanische Galicien bis hin nach Portugal, Brexit und schottische Separatisten, die Angst des kleinen Mannes und das Erstarken rechter Parteien, anglo-amerikanischer Konsumismus, Merkels Flüchtlingspolitik, die Zukunft der EU und des Euros für die eigenen Reise- und Lebenspläne.

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Frühstück im Fels-Sessel.

Später, gen Abend, wechselten sich Sonne und Mond bei Untergehen bzw. Aufgehen ab. Kaum war im Westen die eine verschwunden, tauchte im Westen der andere über den Sträuchern auf den umgebenden Klippen auf. Die Sterne funkelten dazu.