Kategoriearchiv: Veldbossies

Veldbossies* ist ein Langzeit-Projekt, dass die Lebenssituation von Menschen in Südafrika erzählt – jenseits üblicher Korrespondentenberichte & Reportagen in deutschsprachigen Medien: Ich erzähle von Momentaufnahmen im Sinne von Mosaiksteinen.

Bei meinen Reisen in Südafrika fiel mir auf, dass auch engagierter Qualitätsjournalismus kaum in der Lage ist, die Lebenswirklichkeit von Menschen in ihrer Alltäglichkeit abzubilden – zu sehr geht es zumeist um die „großen“ Nachrichten, um die Metropolen, um Krisen, Kriege, Katastrophen. Kein Auslandskorrespondent oder Reporter bekommt von seiner Redaktion noch Zeit und Budget zugestanden, um sich dem Leben vor Ort zu widmen.

Und so geht es bei Veldbossies nicht um ein schnell recherchiertes Gesamt-, sondern ein Mosaik-Bild, das sich aus vielen kleinen Geschichten zusammensetzt. Sie wurden mir von vielen Menschen am Wegesrand erzählt, besonders auf meinen Fahrten durchs Hinterland.

*Veldbossie ist das Afrikaans-Wort für einen Feldbusch, in einer in Afrikaans weit verbreiteten Verniedlichungsform. Es symbolisiert die Zähigkeit, Widerstandskraft & Anpassungsfähigkeit südafrikanischer Menschen aller Hautfarben.

Hunde und Huren im Bett

Manchmal denkt sich Stephen, dass das Gästehaus, dass er auf dem Gelände seines Wohnhauses in Graaff-Reinet führt, ein enervierender Einkommenserwerb ist. Gestern etwa sind drei Männer mit einem Kurier-LKW spät abends noch angekommen und haben geklingelt, und obwohl er eigentlich niemanden unter diesen Umständen annimmt, hat er sich doch dazu durchgerungen.

Na ja, das Geld können er und seine Frau gebrauchen; wenn man ein Veteran des Krieges in Südwestafrika (heute sagen sie „Namibia“ dazu) ist, kriegt man heute die damals versprochene Veteranen-Pension von der ANC-Regierung nicht ,sagt er, warum auch immer. Stephen kennt Unimogs aus dem Krieg 1960-1990 in Südwest; er meint die kleinen, 404er oder 416er oder so.

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Oupa im Schützengraben

Der 81jährige Oupa von Edenvallei ist so ein Afrikaner, wie er im antikolonialistischen Lehrbuch zu stehen scheint: Das Land war zu Apartheid-Zeit gut, besser organisiert, alles lief. Sagt er. Jüngere Generationen sagen eher: Wir waren ein Firstworldcountry.

Der Oupa meint, er hätte als 6jähriger nicht als Pflichtfach deutsch, sondern Xhosa und Zulu in der Schule haben sollen – nicht weil es der Verständigung dienen könnte, sondern dann würde er verstehen, was die Schwarzen untereinander sprechen und wann sie über einen Weißen herziehen. Der Oupa fährt jeden Meter mit seinem altersschwachen Klein-Bakkie, den Krückstock auf dem Beifahrersitz, falls er doch mal aussteigen muss. Wenn er mit einem seiner Camping-Gäste reden will, hupt er ihn herbei.

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Der Wal ist gestrandet

Da steht er nun, der große Mercedes-Lkw; Kim ist knapp zwei Meter groß, und dementsprechend die Wohnkabine hoch – er wollte stehen können. Sie ist auch sehr lang, weil Kim und Susi alles daheim für sie verkauft haben und darin leben. Auf der dunkelblauen Lackierung ihrer rollenden Wohnung prangt ein vergnügter Pottwal.

Nur: Dem Wal ist nicht zum Lachen zumute, er ist gestrandet. Er steht auf einem rustikalen Campingplatz nördlich von Kapstadt, dessen einziger Charme darin besteht, dass andere Overlander dort Zwischenstopp machen. Am unteren Ende des Kontinents angekommen, weiß seine Besatzung nicht mehr weiter.

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Jina und ihr billiges Auto

Jina spricht sehr gut Englisch, ist aber nie aus Velddrif rausgekommen und betet zu Gott, dass sie sich ein altes, billiges Auto leisten kann, damit sie die 16 Kilometer von der Farm ihres Bosses am Tafelberg ins Dörfchen Redelinghyus nicht mehr laufen muss. Hin- und Rückweg so lang: Da kommt sie nicht mehr vor der Dunkelheit zurück. Sie will dem Boss aber auch nicht zur Last fallen und sich von ihm mitnehmen lassen.

Sie mag ihre Katzen, die nicht ihre sind, und mag die Hunde der Besitzerin nicht, weil die die Katzen jagen.

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