Wie man im Klima-Kollaps blüht statt glüht – Teil V

Resilienz besteht nicht nur in physischer und mentaler Widerstandsfähigkeit, gar „Militanz“. Zur Klimakollaps-Resilienz zählt auch eine „spirituelle“ Komponente. Der Journalist Ben Sherwood hat 2009 ein Buch namens „The Survivor’s Club“ herausgebracht, in dem er eine Vielzahl von Überlebenden von Fähr-, Flugzeug-, Verkehrs- und anderen haarsträubenden Unfällen, brutalsten Gewalttaten, Krankheiten etc. interviewt und dabei versucht hat, einen gemeinsamen Nenner zu finden: Warum haben diese Menschen überlebt bzw. kamen nach den jeweiligen Geschehnissen wieder auf die Beine?

Glaube war in vielen Fällen ein wichtiger Faktor.

Glaube an einen Gott, eine höhere Macht, kosmische Kräfte, das Dao, einen Sinn (siehe Viktor Frankl und seine Logotherapie)… an was auch immer.

Glaube versetzt Berge

Man muss kein Buddhist oder Daoist sein, um zu sehen, dass alles vergeht. Alles kommt und geht – auch ein streng wissenschaftlicher Physiker weiß das: Universen, Galaxien, Sterne, Planeten, Lebensformen. Ob man im christlichen Glauben überzeugt ist, dass es eine Macht gibt, die alles in der Hand hält – auch das eigene Schicksal – oder ob man daoistisch orientiert mehr ans „go with the flow“ glaubt: Eine Idee könnte sein, dass man den anlaufenden Kollaps akzeptiert als ein Phänomen, dass sich abmildern, aber nicht mehr vermeiden lässt.

Auf Reisen erlebt man viele Dinge direkt, über die man sonst nur etwas in den Nachrichtenmedien sieht/hört/liest. Die Rezeption bleibt bei letzterem Zugang zwangsläufig distanziert, die Reaktion auch. Unmittelbar konfrontiert sieht vieles anders aus, und das führt manchmal dazu, das bigger picture wahrzunehmen. Vor diesem Hintergrund hier der fünfte von fünf Teilen einer kleinen Serie zu blooming statt dooming.

Aus der Akzeptanz des Kollaps, auch des Wissens, dass sich der Planet mit oder ohne Menschen immer weiter dreht (bis die Sonne sich irgendwann aufbläht), kann Furcht entstehen – aber auch Kraft. Letzteres gilt vor allem für die, die an etwas glauben. Einen übergeordneten Sinn, und wenn es der wäre, das Werden & Vergehen eben unumgängliche Prozesse des Universums sind. Und dass es Sinn ergibt, sich mit diesen Prozessen & Transformationen zu bewegen. Wie in einem Fluss, einem Strom.

Um im Bild zu bleiben: Wasser verändert sich, von der Wolke zum Regen, zum Grundwasser, von der Pfütze zum Verdunsten, zum wieder in die Atmosphäre aufsteigen, wieder zur Wolke werden. Es ist niemals weg, immer da, nur sein Aggregatzustand und seine Performance ändern sich. Wasser unterliegt im Kreislauf einer Transformation nach der anderen.

Dieser Glaube sollte freilich nicht mit Resignation verwechselt werden. Im Gegenteil: Die Realität nicht zu verleugnen, bedeutet mehr Raum für Weisheit & Mitgefühl, Mut & Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit & Kreativität zu schaffen. Vielleicht kann man auch wieder lernen, mit der Natur zu leben und nicht gegen sie? Vielleicht kann man go with the flow lernen anstelle alles unter Kontrolle & (vermeintliche) Kraft zwingen zu müssen. Wer kennt nicht das Bild des Bambus, der sich im Sturm biegt – aber nicht bricht?

Prozess und Transformation

Lässt man den Gedanken an einen sich anbahnenden, nicht mehr vermeidbaren Klima- wie gesellschaftlichen Kollaps tatsächlich an sich heran, so entsteht vermutlich häufig Angst. Es ist eine Entscheidung, in dieser Angst, die über einem zusammen schlägt, stecken zu bleiben – oder aus ihr gestärkt aufzutauchen. Vielleicht führt das dazu, bessere Beziehungen zu anderen und Kooperationen (etwa Nahrungsproduktion, selbst organisierte kommunitäre Strukturen der gegenseitigen Hilfe, alternative digitale Systeme in Unabhängigkeit von den Big Tech-Konzernen) aufzubauen – oder, wenigstens – mehr seinem Herz für das künftige Rest-Leben zu folgen.

Im Grunde ist alles Prozess, ständige (Weiter-)Entwicklung. Manche meinen, dass jeder Gedanke, jede Emotion, jede Einsicht nichts weiter als Prozesse sind, in denen sich das Leben in immer neuen Konfigurationen selbst betrachtet. In dieser Lesart besteht das Universum nicht aus Dingen, sondern aus permanenten Transformationen: Jede Zelle, jede Gesellschaft, jeder Mythos, jede Zivilisation ist nichts als Energie im Wandel.

Um im Bild vom Wasser zu bleiben: Die Welle muss nichts von der Existenz des Ozeans wissen, um ein Teil des Meeres, ja der Ozean zu sein.

Ende und aus.