Abgesang Freiheit & Nomadentum, Teil I (Wissenschaft)

Das sympathische Pistenkuh-Paar sieht den Betrachter von der Seitenleiste seiner Homepage an und strahlt: Seit soundso viel Tagen in Freiheit! Seit sie vor vielen Jahren angefangen haben, in einem LKW zu leben und zu reisen…

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich einige Menschen kennenlernen dürfen, die ihr Leben ganz und gar mobil verbringen, die dabei zumeist aus den üblichen Lohnerwerbszwängen von 9-to-5-Jobs ausgebrochen sind. Viele von ihnen arbeiten unterwegs, das Stichwort hierzu lautet nicht immer, aber häufig „digitaler Nomade“ – weil unterwegs arbeiten und Geld verdienen heutzutage mit einer immateriellen, online-basierten Dienstleistung möglich und machbar ist.

Dabei erfolgt ein romantisch verklärter & verklärender Rückgriff auf das historische Nomadentum – speziell auf dessen angenommene Freiheit in puncto Ortswechsel und Bewegung. Freilich: Mobil gearbeitet hat etwa der Zimmermann auf Wanderschaft seit jeher, aber selbstverständlich war er „auf Walz“ keineswegs frei. Er war an die Regeln seiner Zunft und daran gebunden, jemanden zu finden, der ihn engagiert und bezahlt – ob es ihm dort gefallen hat oder nicht.

Gelände-Womo allein freistehend an portugiesischer Küste: Sieht so Freiheit aus?

In diesem Sinne hatte und hat er keine Bewegungs-Freiheit. Der Metapher des Zimmermannsgesellen auf der Walz bedient sich denn auch keiner der so genannten digitalen Nomaden. Denn um „Freiheit“ geht es beim Lebensstil des „digitalen oder Reise-Nomaden“ immer. Um welche Freiheit mag es da gehen?

Ohne Geld zu verdienen geht es bei – beispielhaft genannt! – Herman Unterwegs, Abenteuer Unterwegs, Amumot, Crosli, Campofant und Pistenkuh nicht: als Webdesigner, Online-Marketeers, Coaches, Wohnmobil-Dienstleister, Service-Anbieter in puncto Reisen im engeren oder weiteren Sinne. Überwiegend aufwändige und professionell betriebene Websites, spannende und informative Blogs & Vlogs künden von ihren Erlebnissen & Erfahrungen, Betriebsamkeiten & Betrieblichkeiten.

„A no-mad nomad world?“

Und auf diesem Wege künden sie indirekt einkommensfördernd von ihren professionellen Fähigkeiten und Dienstleistungsangeboten. Daran, das sei betont, ist nichts Verwerfliches – nichts anderes tat ich im Falle unseres Krav Maga-Studios via Blogposts, Facebook und Instagram auch.

Es schadet aber nicht, einen Blick in Richtung historische und soziologische Forschung zum Nomadentum zu werfen: Denn der Begriff wird spätestens seit dem Reiseschriftsteller und Nomadenfan Bruce Chatwin („it’s a no-mad nomad world) zumeist fälschlich und romantisch illusorisch verwendet. Hirten-Nomaden („Kameltreiber“ lautet eine andere, eher abfällige Bezeichnung) sind niemals „frei“ gewesen: Sie waren immer abhängig von den äußeren Umständen, und konnten keineswegs ihren Weg durchs Leben so wählen, wie es ihnen gerade zumute gewesen wäre oder worauf sie gerade Lust gehabt hätten.

Kamel(-Reiter) in der Negev-Wüste Israels: Sieht so Freiheit aus?

Wer sich mit der Materie beschäftigt, besonders im Fall der gerne glorifizierten Sahara-Karawanen und -Nomaden (etwa den Tuareg), wird feststellen, dass sie extrem abhängig nicht nur vom Wetter, sondern auch von guten Beziehungen zu sesshaften Menschen am jeweiligen Ort waren – dann nämlich, wenn die „eigenen“ eigentlichen Weidegründe ausgelaugt waren und sie darüber hinaus ziehen und andere fragen mussten, ob sie ihr Vieh die lokalen Quellen nutzen lassen durften (und dabei in Dürreperioden auf teilweise militanten Widerstand der ortsansässigen Viehzüchter treffen).

Mehr noch: Pastoralnomaden, wie der Terminus wissenschaftlich lautet, sind eher wandernde Bauern – und Händler. Wer als Protagonist alternativer Lebensentwürfe den Merkantilismus und die Ausbeutung von Tieren scheut, der sollte wissen, dass Hirten-Nomaden nichts weiter als Verkäufer von tierischen Rohprodukten sind: Fleisch, Felle, Wolle, Milch. Sie haben ihre Tiere nicht nur zur Subsistenz gehalten, sondern zum Teile-Verkauf. Und sie mussten ihre Wege nicht nur entlang von potenziellen Weidegründen, sondern auch von dörflichen und städtischen Märkten führen.

Zyklische Rundwanderungen & Opportunitäten

Insofern bewegen sich die Sahara-Nomaden nicht frei, sondern entlang von geradezu feststehenden Wander-Zyklen – je nach Jahreszeit und aktuellem wie Vorjahres-Regenvorkommen da entlang, wo frisches Gras zu erwarten sein müsste. Entlang der Wasserstellen und Brunnen – und damit in Konkurrenz zu den jeweils Ortsansässigen.

Im soziologischen Jargon klingt das so:

„Vielmehr unternimmt er (der Nomade) weit eher zyklische Rundwanderungen, den Jahreszeiten und den Opportunitäten lebenserhaltender Natur-Ressourcen folgend.“*

Vielleicht liegt bei den „digitalen Nomaden“ auch nur eine Begriffsverwechslung vor? Denn ihr Lebensstil erinnert eher ans Vagabundentum, das allerdings mit einer unerwünschten Form der Freiheit einherging – der Vogelfreiheit. „Auf Tour“ zu sein gestaltete sich beim Vagabunden oder Landstreicher als „auf der Flucht“ zu sein, vor allem vor Organen der öffentlichen Ordnung.

Vagabunden sind Vertriebene

Vagabunden wählten dieses Schicksal selten selbst, sondern weil ihnen nichts anderes übrigblieb. Weil die Ressourcen ihrer Umgebung, in der sie geboren wurde, erschöpft waren, inklusive der Ressourcen an Arbeitsplätzen oder anderen Erwerbstätigkeiten. Also machte man sich auf den Weg, woanders hin. Sie zogen von Haus zu Haus, Stadt zu Stadt, in der Hoffnung, einen Tagelöhner-Job zu finden. Sie waren den Städtern letztlich ausgeliefert; nichts daran war romantisch.

Was der stationäre Städter im Vagabunden sieht, ist jemand, der (vermeintlich) frei und ungebunden durchs Land zieht; der Blick durch die Brille des Vagabunden ist weniger rosarot: Er wird ständig vertrieben, weiß nicht, wovon er am nächsten Tag seine Existenz fristen wird… (Das allerdings ist eine Situation, die der mancher „digitaler Nomaden“ entspricht – denn in der Online- & Multimedia-Welt sind Honorare und Auftragssätze häufig im prekären Bereich angesiedelt).

Die Freiheit zu gehen

„(Der Vagabund) ist frei – frei zu gehen jedenfalls, keineswegs jedoch auch frei, zu bleiben. Der Vagabund ist folglich ein zuvörderst ein Weg-Getriebener, ehe er sich zu einem Sich-Umher-Treibenden macht. (…) typischerweise folgt er den vagabundischen Erwartungen von Gegeben- und Gelegenheiten – und deren Enttäuschungen.“* Demgemäß ist das Vagabundentum keine besonders erfreuliche und freie Existenz gewesen – eher Migrantentum in Permanenz. Würde sich jemand der Digitalnomaden, Globalnomaden, Reisenomaden dieses Label gerne aufkleben?

Nomaden wie Vagabunden war und ist gemein, dass sie ihre persönliche Habe vollständig mit sich führen; der Vagabund eher noch weniger als der Nomade, der vielleicht ein Lastkamel zur Verfügung hatte. Nicht wenige der eigenheimmäßig ausgebauten Offroad-Karossen mancher zeitgenössischer „Neo-Nomaden“ kommen mit Kühlschrank, Backofen, Heizung, Dusche, manchmal rüttelpistengesichertem Champagner daher…

Quellennachweis:

*Winfried Gebhardt, Ronald Hitzler (Hrsg.) – Nomaden, Flaneure, Vagabunden. VS Verlag für Sozialwissenschaften

Wüste – Begleitbuch zur Ausstellung 2002 des Hessischen Landesmuseum Darmstadt, speziell die Kapitel zu „Mensch und Wüste“  (Nomaden in der Sahara; Die Awlad Hamid: Hirtennomaden im Sudan; Salz und Karawanen der Sahara)

GEO-Special Sahara 6/92