Bushmen: Ein primitives Volk?

Campsite No. 4 "Chimelo" in Okonjima
Ausblick der Campsite No. 4 „Chimelo“ in Okonjima

Die San haben eine gewisse Bekanntheit als „Kalahari Bushmen“ erlangt, in Namibia zählen sie zu den ursprünglichen Völkern. Bekannt geworden sind sie durch ihre ursprüngliche Lebensweise nahe und im Einklang mit der Natur – und ihre Ausdauer-Hetzjagden auf Beute-Tiere: Sie rennen über Stunden und Tage Antilopen zu Tode.

Eine solche Leistung hat uns als frühere „Ironman“-Triathleten und heutige Wildnispädagogen natürlich beeindruckt. Das so genannte Coyote Mentoring ist maßgeblich von der nordamerikanisch-indianischen Naturauffassung geprägt, aber auch von der anderer nativer Völker auf dem Globus: tatsächlich den San etwa (tatsächlich habe ich ein paar Versuche unternommen, mit einem selbstgebauten leichten Speer und einem Trinkrucksack querfeldein zu rennen).

BBC-Film über Ausdauer-Hetzjagd

In Okonjima besteht die Möglichkeit, mit zwei Guides einen zweistündigen Bushmen-Trail zu gehen und einiges über dieses faszinierende Volk zu lernen – und selbstverständlich lassen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen. Peter und Maliki sind kleine Männer, ob sie den Bushmen entstammen, bleibt unklar. Sie tragen zwei eingerissene, abgeschabte Tragesäcke aus Springbock-Haut bei sich, in denen sich die typischen Ausrüstungsgegenstände eines wandernden Bushman befinden (und beide besitzen ein modernes Smartphone, auf das sie dann und wann verstohlen starren).

Sie erzählen, dass die San vor langer Zeit von den Rinderzucht treibenden Bantu-Stämmen weiter in den Süden vertrieben wurden. Die San jagten vor allem flinke Antilopen, zu ihrer Naturverbundenheit zählt der Glaube, dass ein Tier sich dem Jäger ergibt, wenn es stehen bleibt. Rinder kannten die San erst nicht, aber diese rannten nicht weg, wenn ein Bushmen-Jäger mit Speer und Bogen darauf zielte. Nachvollziehbar, dass die Bantu Groll gegen die San hegten – und diese friedfertigen und freundlichen Menschen mit Gewalt verscheuchten.

Hirten- und Handels- …

Wir haben einige Zeit in Marokko verbracht und sind dem dortigen Nomadentum vertraut. Oder doch nicht? Wir merken: In Nordafrika geht es eigentlich überwiegend um Hirten-Nomaden, die mit ihrem Vieh entlang der spärlichen Regenfälle wandern. Das aber meist auf bekannten Routen, die immer wieder auf und ab gegangen werden. Salz- und andere Karawanen folgen Handelsrouten durch die Wüste. Die nordafrikanischen Nomaden versuchen, die inneren Wüstengebiete zu meiden, oder, wo unvermeidlich, so schnell wie möglich zu durchqueren.

Sie nomadisieren in diese Weise entlang den Rändern der Wüste – dort wo sich menschliche Ansiedlungen befinden, in denen sie ihre Ware (Fleisch, Milch, Häute… Salz etc.) auf Märkten verkaufen können bzw. die Ware, die sie brauchen, kaufen können. Halbnomaden beziehen in diesen Ansiedlungen sogar ein festes Haus während der Winterzeit.  

… und Jagd-Nomaden

Nicht so die San. Sie jagen dem Wild hinterher und folgen dessen Spuren. Ihre Wanderungen werden von den Wegen ihrer Beutetiere bestimmt, von der Existenz von Wasserlöchern. Sie tragen einen Lendenschutz, schlafen ohne Decke oder Matratze auf dem Boden, wo sie gerade sind und tragen all das Ihrige in der Springbock-Haut mit sich (omnia mea mecum porto). Was findet sich darin?

Maliki zeigt einen etwa armlangen Speer (er dient nur dazu, das kollabierte Tier in der Nahdistanz endgültig zu töten) und ein ausgehöhltes Straußenei, das mit Hilfe von Wasser und Steinchen, Honig und Ameisen innen gesäubert wurde. So wird aus dem Straußenei ein Wasserbehälter; aus einem Schildkrötenpanzer mit einem Karnickelschwanz als Stopfen gar ein Beauty Case, das in mühevoller Kleinarbeit angefertigte Schmuck-Stücke enthält (als Körperschmuck dienen auch umgearbeitete Stacheln des Stachelschweines).

Die Bushmen kennen fast keinen Besitz, ihr Eigentum besteht aus dem, mit dem man von Ort zu Ort, Wild zu Wild ziehen kann. Kurzum das, was in die Springbock-Häute passt: Waffen & Werkzeug; und selbst wenn man mit einem Minimum an Besitz unterwegs war, musste wohl ein bisschen Aufhübschen sein…

Peter und Maliki beim Feuerbohren
Peter und Maliki beim Feuerbohren

In der Ausbildung zu Wildnispädagogen hatten wir gelernt, aus Brennesseln Behelfs-Schnüre zu basteln. Maliki nutzt eine ähnliche, aber fortgeschrittenere Technik, um aus Sanseviera Cylindrica (glaube ich) Schnüre anzufertigen. Nachdem er die Stängel plattgeklopft hat, legt er die Fasern frei und verdreht diese zur Schnur, solange diese noch feucht sind. Schließlich werden sie über dem Schienbein viele Male gerollt. Sie lassen sich mit den Händen nicht auseinanderreißen.

Ähnliches begibt sich beim Feuerbohren: Maliki freilich nutzt tatsächlich die bloßen Hände, während Peter Pause hat – freimütig geben sie zu, dass Peters Hände noch von der vorgestrigen Vorführung wund sind. Wie gut, dass wir die Technik mit einem Bogen gelernt haben (mit der wir gleichwohl keinen ausreichenden Funken produzieren konnten – Maliki schon!).

Jagen, nicht Anhäufen

Ähnlich kunstvoll, trickreich und clever lernen wir Fallen für Stachelschweine und Vögel kennen. Vom Porcupine Camp her wussten wir ja schon, dass Stachelschweine schlecht sehen, sich auf ihre gute Nase verlassen und daher sich entlang schon gegangener Wege schnuffelnd bewegen. Das wird ihnen zum Verhängnis – der Bushmann baut ihnen einen Schlagfalle in den Weg, deren Wirkungsprinzip darin besteht, dass dem Stachelschwein ein nicht zu schwerer Ast auf den Körper fällt. Es erschrickt sich, erwartet einen Leoparden und stellt die Stacheln auf – damit klemmt es sich beim Versuch, sich rückwärts aus der käfigartigen Falle zu bewegen, ein. Aber es wird kaum verletzt dabei.

Warum das?

Weil es nicht getötet werden soll. Sie fühlen sich eins mit den anderen Lebewesen. Wenn sie nach einer erfolgreichen Jagd zur Falle mit dem darin gefangenen Stachelschwein kommen und haben schon eine andere Beute, lassen sie es frei. Sie bunkern nicht, sie häufen nicht an, sie nehmen nur, was unbedingt nötig ist. Und sie entschuldigen sich sogar bei dem Stachelschwein für die ruppige Behandlung und dass sie es solange aufgehalten haben (gegenüber konkurrenten Räubern ist das Stachelschwein durch die feste Palisaden-Konstruktion der Käfig-Falle geschützt).

Beate beim Test der Vogelfalle
Beate beim Test der Vogelfalle

Vielleicht haben die San diese Handlungsweise von den Stachelschweinen selbst gelernt: Denn diese essen von Wurzelknollen nur so viel, dass diese sich mit dem nächsten Regenguss wieder erholen und nachwachsen können. Und so nimmt es nicht wunder, dass ein anderer Fallentypus so konstruiert ist, dass der Vogel, der in sie hineingetappt ist, in die Höhe in eine Akazie geschleudert wird und dort hängenbleibt. Leoparden oder Hyänen scheuen deren zahllose, lange, spitze Dornen… und so bleibt der Vogel unversehrt, bis der Buschmann kommt.  

Ebenso raffiniert: Die vergifteten Pfeile der Bushmen sind quasi zwei-lagig und brechen nach dem Eindringen in den Tierkörper ab. Das erste Gift ist vor allem schmerzhaft, so dass sich das Tier auf dem Boden wälzt und durch Reiben versucht, den „Juckreiz“ loszuwerden – dabei aber treibt es die Spitze mit dem eigentlich tödlichen Gift tiefer in Körper und Blutgefäße hinein…

Arbeiter und Alkohol

Erstaunlich, welche Intelligenz bei diesen Fallen gewirkt hat. Peter und Maliki berichten, dass ihre Bushmen-Kameraden sehr gut in Mathematik gewesen seien – aber alle nach und nach die Schule verlassen hätten. Diese Art des Lebens und Lernens war nicht die ihre…

Heutzutage gibt es nur noch wenige Bushmen, die auf traditionelle Weise leben. Viele arbeiten auf den Farmen als Helfer. Die San teilen offensichtlich das Schicksal mit den American Natives, die, aus ihren Jagdgründen verscheucht, in Reservate gesperrt, Trost im Alkohol suchen. Aber auch das harte Leben als Jäger und Sammler bietet wenig Anlass zum Romantisieren.

Kein Grund für romantische Schwärmerei

Alte Leute blieben in einer Zweighütte zurück, wenn sie dem Tempo nicht mehr folgen konnten. Sie dienten auch als Vorkoster bei den Tieren, die mit Giftpfeilen erlegt wurden. Wenn aller Besitz in ein  Springbock-Fell passen muss, wird klar, dass eine Mutter von neugeborenen Zwillingen nur eines der beiden auf ihrem Rücken tragen kann, während es weitergeht. Also wird eines vergiftet und in ein Loch gelegt, dass ein Ameisenbär in einen Termitenhügel gebuddelt hat. Dann können andere Lebewesen sich noch an dem Baby-Kadaver nähren…

Tatsächlich prägt Altruismus, nicht Futterneid & Feindseligkeit, Konkurrenzdenken & Kampf die San: Handelt es sich bei einem unter Mühen und Gefahren erlegten Tier um ein großes – wie ein Kudu – und kann die Gruppe der Jäger dieses gar nicht alleine aufessen bzw. verwerten, bevor es in der Hitze verfault, so teilen sie es: Rufen etwa eine benachbarte Gruppe, eine benachbarte Sippe…  

Ein primitives Volk? Welche der Zivilisationen – die ihrige oder unsere „fortgeschrittene“ – ist die lebensfreundlichere?