Digitale Selbstverteidigung III

Um bei der Analogie zum analogen Leben zu bleiben: 2002 traf ich in Israel einen Leibwächter US-amerikanischer Herkunft, der zuvor in staatlichen Sicherheitsdiensten gearbeitet hatte und nunmehr sein Brot als Bodyguard der Familie eines bekannten, sehr reichen Hamburger Versandhandel-Eigentümers verdiente. Jerry sinnierte er beim abendlichen „Goldstar“-Bier: „Wenn ich in meinem Job schießen oder kämpfen muss, habe ich eigentlich versagt.“

Denn eigentlich gehe es dabei darum, in eine Problemsituation gar nicht erst zu geraten. Also seien Vorfeldanalyse, Gefahreneinschätzung und -vermeidung, Routenplanung und being erratic, also unberechenbar sein, nie das Erwartbare oder Einschätzbare zu tun, vielfältig agieren die eigentliche Schutzmaßnahme. Kurzum: Prävention. Die beste Selbstverteidigung ist die, nicht da zu sein, wo es Ärger gibt. Und den gibt es in dafür typischen Räumen; im analogen wie im digitalen Leben.

Digitale Selbstverteidigung fängt also schon mit der simplen Maßnahme an, niemals alle Daten bei einem Anbieter zu haben und so wenig wie möglich auf den einfach zu befahrenen Hauptstraßen unterwegs zu sein. Die Nebenstraßen zu nehmen, auch wenn es umständlich ist und mehr Zeit kostet. Natürlich wollen Google, Microsoft, Amazon, Apple etc., dass man alle Daten – Cloudspeicher, E-Mails, Kalendereinträge, Fotos, Aufgabenverwaltung, Adressbuch etc. pipapo – bei ihnen hat und verfügen auch über entsprechende Angebote, die einem wegen der häufig möglichen Integration schmackhaft gemacht werden.

Alles aus einer Hand. Ist halt so einfach und bequem, die Lockspeise so süß und wohlschmeckend. Aber unser Leben besteht mittlerweile in Dateien, die wir speichern, E-Mails, die wir schreiben, Fotos, die wir aufnehmen, Terminen und Aufgaben. Daraus lässt sich exakt ablesen, was jemand wann wie mit wem macht…- vor allem, wenn sich all diese Daten in einer Hand ansammeln. „Being erratic“ bedeutet, es etwas umständlicher und zeitraubender angehen zu müssen.

Computer-Nerds freilich vermitteln häufig Ratschläge, deren Umsetzung ein halbes IT-Studium nach sich ziehen. Ich z.B. schiebe den Umstieg auf Linux schon lange vor mir her, weil mir immer eines dieser typischen grauen Novemberwochenende fehlt, an dem man mal Zeit für so was hat. Und ebenso hat mir bislang Zeit & Muße gefehlt, konsequenterweise mein Android-Smartphone zu de-googlen.

Und so geht’s eben erst einmal darum, die „satisfyzing vs. optimizing“-Devise bzw. die Marschrichtung des „70% ist erst einmal gut genug – das Streben nach 100% führt dazu, das gar nichts passiert“ – einzuschlagen.

Also: Ist schon klar, dass man kaum mehr in die rein analoge Welt zurück kann. Und dass man in der schönen neuen digitalen Welt nicht so leicht um Google, Microsoft, Amazon, Apple etc. drumherum kommt. Aber seine Daten auf viele verschiedene Anbieter zu verteilen und möglichst viele Datenschutz-konforme Anbieter zu nutzen, auch wenn (und gerade weil) der ein oder andere Umweg dabei gegangen wird, wäre schon ein guter und nicht so schwer zu praktizierender Anfang. Dazu konkret im nächsten Beitrag mehr…

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