Feuerwerk! Feierabend! Danke für den vielen Fisch!

Krav Maga-Spirit & -Training, wie es sein sollte: derb, roh, echt.
(Bild: Training 2002 in Israel, Masada, im Hintergrund Totes Meer und jordanische Berge)

So ist das mit Mythen: In der Realität entpuppen sie sich als Märchen oder, besser: als Geschichtsfälschung. Für die altjapanischen Krieger galt angeblich: Samurai zu sein, heißt, dem Tod ins Auge zu sehen – im „Hagakure“, einem alten Samurai-Lehrbuch, das Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden ist, steht dies beispielsweise. Freilich: Der Autor, Yamamoto Tsunetomo, versuchte eine Art Lehrfibel für die in jener Zeit nicht mehr wirklich kämpfenden Ritter zu schreiben – offensichtlich war es nötig, ihnen ehrenvolles Verhalten vorzuhalten, weil sie es nicht mehr praktizierten.

Und so heißt es auch an anderer Stelle: Samurai zu sein, heißt nicht dem Tod, sondern dem Verrat ins Auge zu sehen. Tatsächlich wurden in den vielfältigen Kriegen und Konflikten der Jahrhunderte zuvor häufig sowohl Allianzen wie Ränke hinter den Kulissen geschmiedet; mit der Folge, dass vermeintliche Bündnispartner mitten in der Schlacht die Seiten wechselten und einander in den Rücken fielen.

Krav Maga-Pioniere in Deutschland

Wir waren mit dem Krav Maga Center 2003 eine der ersten zivilen Trainingsstätten für authentisches israelisches Krav Maga in Deutschland und schließen nach nunmehr mehr als 15 Jahren Existenz die Pforten unserer Liegenschaft in der Offenbacher Rödernstraße zum Jahresende 2019. Wir dürfen als Pioniere gelten; wir waren nicht die allerersten, aber mit die ersten in Deutschland und die israelischen Dachverbände IKMF und KMG hätten hierzulande nicht ihre weite Verbreitung in dieser Zeit gefunden, wenn wir mit wenigen anderen zusammen nicht die ersten Keimzellen gebildet hätten. Das ist definitiv kein Mythos und kein Märchen.

Natürlich sind wir auf diese Geschichte stolz (siehe Chronologie). Sehr viele schöne Geschichten sind darin passiert, sehr viele fantastische Erlebnisse haben sich ereignet, und wir haben viele wunderbare Menschen kennengelernt. In Deutschland wie in unserer Zweitheimat Israel. Wir haben ein Trainingsstudio ganz eigener Art aufgebaut, in dem besonders Menschen eine Trainingsstätte gefunden haben, die sich in den üblichen Macho- & Muckibuden nicht wohlgefühlt hätten; ein Trainingsstudio besonders für Gewalt- und Missbrauchsopfer mit der notwendigen Mischung aus Herausforderung und Sensibilität; ein Trainingsstudio nach dem (Krav Maga-)Motto „nice people with a strong will to defend themselves“.

Selbstverteidigung und Selbstbestimmung

Wir haben immer den Begriff „Selbstverteidigung“ sehr konkret verstanden und im Training nicht selten barsch umgesetzt und gleichwohl das Ringen um die eigene körperlich-seelische-geistige Unversehrtheit in Richtung Selbstbestimmung des eigenen Lebens weiter interpretiert – und damit bei vielen Trainingsteilnehmern über viele Jahre unabsichtlich in Richtung Persönlichkeitsentwicklung gewirkt. Kurioserweise haben wir so die realitätsnahe, evidenzbasierte Selbstverteidigungsmethode Krav Maga letztlich nach Art der klassischen „Do“-Kampfkünste vermittelt – ohne die Methodik & Didaktik von Krav Maga Global auch nur einen Schritt zu verlassen bzw. auf Begriffe & Ansätze traditionellen japanischen Budos oder Kobudos Bezug zu nehmen.

Rund 20 Jahre hat Krav Maga so unser Leben geprägt. Aber wo es eine „Upside“ gibt, gibt es auch eine „Downside“. Und damit bin ich bei den einleitenden Sätzen: Wir haben sehr viel Energie und guten Willen in alle Trainingsteilnehmer gesteckt; auch und gerade in die, die wir zu Krav Maga-Instructors entwickelt haben. Doch trotz aller, teilweise sehr individueller, Fortbildung, Förderung & Fürsorge haben wir bei nahezu allen Instructors – mehr als ein Dutzend – erleben müssen, dass sie uns wegen Nichtigkeiten verlassen oder gar verraten haben.

Probelmatik der KM-Instructor-Ausbildung

Keine Namen & Geschichten an dieser Stelle; es geht nicht darum, dreckige Wäsche zu waschen. Pauschal lässt sich sagen: Je größer die Sprüche, desto mickriger die Performance – als Instructor wie als Mensch. Je mehr sich jemand als Kämpfer & Krieger in Positur warf, desto blamabler & beschämender, was übrig blieb, wenn es Schwierigkeiten oder unterschiedliche Positionen gab.  In all diesen Fällen schlug die vorher leutseligst praktizierte Kameradschaft und umarmungintensivst beschworene Loyalität in nullkommanix um, sobald wir nicht Forderungen erfüllten oder nicht zu allem „ja und Amen“ sagten. Krav Maga-Schulbesitzer heißt, dem Verrat ins Auge zu sehen, möchte man in Anlehnung an das klassische Zitat sagen.

Ein Problem mag die Struktur der Instructor-Ausbildung bei den großen (vielleicht auch den kleinen) Verbänden sein. Nach rund zwei Jahren Training mit einer niedrigen Schüler-Graduierung (Practicioner 4) kann man – entsprechende Empfehlung vorausgesetzt – in den KMG-/IKMF-Instructor’s Course einsteigen und danach unterrichten. Im ursprünglichen israelischen Militärkontext bedeutet dies, dass immer genügend Ausbilder zur Verfügung stehen, die den gänzlich unerfahrenen Rekruten schon mal das Notwendigste beibringen können.

Möchtegerns und Dünnbrettbohrer

In klassischen, traditionellen Methoden wie Judo, Karate, Taekwondo etc. würde dies aber bedeuten, dass schon ein Grün- oder Blaugurt alleinverantwortlich unterrichtet. Wer aber zum 1. oder 2. Dan aufgestiegen ist, also einen Schwarzgurt trägt, hat dafür einige Jahre trainiert und musste auf diesem Weg einiges an Rückschlägen einstecken und mit Widrigkeiten umgehen lernen. Diese Erfahrung fehlt häufig den Krav Maga-Instructors hierzulande – vielleicht ist es sogar so, dass die Krav Maga-typische Instructorausbildung schwache Persönlichkeiten anzieht, weil sie auf diese Weise schnell zum Erfolg kommen und sich profilieren können.  

Und so existieren im regionalen Umfeld der Offenbacher Rödernstraße nicht wenige Krav Maga-Angebote von Ehemaligen & Abtrünnigen von uns mit ziemlich eingeschränkter Krav Maga-Kenntnis- & -Praxis, die sich nunmehr als erfahrene Krav Maga-Experten darstellen. Da bleibt mehr als ein bitterer Nachgeschmack.

Traurige Erfolgsgeschichte

Darüber hinaus gibt es Menschen beiderlei Geschlechts, die weit davon entfernt sind, Krav Maga-Instructor in absehbarer Zeit werden zu können, deren Drang dazu aber sehr stark ist. So bietet in Offenbach ein ehemaliger Schüler von uns als „Top Instructor“ und „Head Instructor“ von-was-auch-immer Krav Maga-Kurse in einem Offenbacher Fitness-Studio an, der während seiner gesamten Trainingszeit bei uns nicht über den Anfängerstatus hinauskam… Eine junge Frau, ehemalige Schülerin von uns, will in einer Kommune im Main-Kinzig-Kreis KM-Instructorin werden, obwohl sie nicht in der Lage dazu ist, die Stimme zu erheben und einem in die Augen zu schauen… Nur zwei von vielen Beispielen.

Mittlerweile bieten die Wirtschaftsjunioren Offenbach wie die Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt Krav Maga-Training an, und sie sind nicht die einzigen: Im Rhein-Main-Gebiet wimmelt es von Krav Maga-Angeboten. Als wir 2003 begannen, waren wir nahezu alleine vor Ort und es kamen Interessierte nicht bloß aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet, sondern aus Gießen, Marburg, Heidelberg etc. zu uns; wir hielten u.a. Krav Maga-Kennenlern-Lehrgänge für den Deutschen Ju-Jutsu-Verband ab.

Feierabend: genug der Karma-Punkte

Letztlich führt der Boom ums Krav Maga dazu, dass das System an seiner eigenen Erfolgsgeschichte zugrunde geht. Hinz & Kunz bieten Krav Maga an – und das nicht erst in den vergangenen beiden Jahren; ein früherer Schüler bemerkte jüngst launig: „Jeder, der mal eine Krav Maga-Dokumentation auf Youtube gesehen hat, macht einen eigenen Laden auf!“ Für Leute, die seriöses Krav Maga herausfiltern möchten, ist es durch die Marktschreierei in den sozialen Medien, Youtube etc. extrem schwierig, die Leuchttürme an Qualität und Authentizität zu identifizieren.

Ist das eine Situation, in der man sich zurückzieht und den Laden schließt? Müssten wir vielmehr nicht erst recht das Trainingsstudio weiterführen?

Wir haben diese Frage nach langen Diskussionen und einem intensiven Prozess verneint. Wir haben keine Lust, auf dem Marktplatz der sozialen Medien gezwungen zu sein, immer lauter zu schreien, um das Getöse der Möchtegerns zu übertönen. Für die Sicherheit von einigen tausend Menschen, für ihre Selbst-Sicherheit, ihr Selbst-Bewusstsein, ihre Selbst-Bestimmung, so glauben wir, haben wir in den vergangenen 15 Jahren genug getan. Die dabei angesammelten  Karma-Punkte müssten reichen…


Es wird ein kleines, aber feines Fortsetzungsangebot geben; ein dezentrales und mobiles Krav Maga-Training an wechselnden Standorten in natürlicher Umgebung und mit wechselnden Themen. Back to the roots, so das Motto - siehe Bild oben. Es wird via App virtuell organisiert und kommuniziert. Bei diesem Training (siehe roninkravmaga.de) werden wir nur uns selbst vertrauen und auf nichts & niemanden bauen außer uns selbst. Und auf nichts & niemanden Rücksicht nehmen. 
Vielleicht lässt sich so der Wert, den Krav Maga an sich hat, zurückerobern.

Oliver & Beate (siehe Instructors)