Krav Maga Camp Crosstown 2014

Krav Maga Camp Crosstown 2014Mit Rückblick auf das letzte Trainingshalbjahr fällt im umfangreichen Seminarangebot von Krav Maga Global Deutschland besonders eine Veranstaltung ins Gewicht. Nach meiner ersten Teilnahme im Jahr 2010 habe ich dieses Jahr die Möglichkeit genutzt am größten, regelmässig stattfindenden Krav Maga-„Trainingslager“ im deutschsprachigen Raum teilzunehmen: „Crosstown“ – ursprünglich ein fränkisches Kind – wurde  dieses Jahr erstmalig in Hamburg veranstaltet. Ausgerichtet von Tino Enders (Krav Maga Academy), unter der Leitung der israelischen Toplevel-Instructors Zeev Cohen (Master Level 1) und Nadav Shoshan (Expert Level 3), wurde die Hansestadt vom 30. Mai bis einschließlich 1. Juni zum erklärten Trainingsgelände.

Krav Maga Camp Crosstown 2014 – überbordend

Dass einen Tag vor Seminarbeginn absolvierte Leveltesting verläuft für mich erfolgreich, und so kann einen Tag später – mit Blessuren, aber motiviert – in den Tag gestartet werden. Nach Check-in in unserer Trainingshalle folgt am ersten Nachmittag bereits eine seltene Besonderheit in Sachen Trainingslokalität: an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen legt unser Trainingsschiff ab. Und nach dem Boarding räumen 60 Mann erst einmal gewissenhaft massive Glas-Aschenbecher, Plastikblumen und Spitzendeckchen zur Seite. Auf unstabilem Untergrund spielen wir elbabwärts diverse (bewaffnete) Angriffssituationen aus dem Sitzen und Wanken heraus durch. Die Stimmung ist – im Wortsinne – überbordend. Elbaufwärts folgt der touristische Teil: regenerieren bei Kaffee, Kuchen und Ausblick. Ein bisschen Sightseeing muss sein, besonders bei dem ungewöhnlich sonnigem Hamburger Wetter.

„Safety in Training“ gilt an diesem und den folgenden Seminartagen mehr denn je. Vor allem, wenn man an den Arbeitsplätzen oder den Vorgärten fremder Leute und generell im öffentlichen Raum vor Publikumsverkehr trainiert. Die Möglichkeit sich in solchen Räumen auszuprobieren, ist aber für ein System, welches Lösungen für realistische Selbstverteidigungs-Situationen für sich beansprucht, unumgänglich. Das Grundrepertoire an Schlägen, Tritten und Abwehr bleibt dabei immer erhalten, wird den jeweiligen Umständen wenn nötig angepasst. Immer zutreffend ist aber der Grundsatz „simple and stupid“. Besonders in Situationen in denen man sich in beengten Räumen, ohne Gleichgewicht oder ganz ohne Sicht verteidigen muss.

Crosstown – Low Light & Light Fight

Für das Training unter erschwerten Sichtverhältnissen ziehen wir daher am späten Abend in Richtung Binnenalster. Mit Taschenlampen ausgestattet spielen wir auch hier wieder un- und bewaffnete Angriffe und entsprechende Abwehren durch. Um nicht komplett geblendet, und für kurze entscheidende Sekunden handlungsunfähig zu sein, ist das taktische Agieren in solchen Low-Light-Situationen von Bedeutung. Denn auf steinigem Boden, geblendet vom Lichtkegel einer Taschenlampe und mit nachlassender Konzentration kämpft es sich recht unprätentiös und ungelenker als auf jedem Mattenboden einer beleuchteten Trainingshalle. Trainingstechnisch eine Herausforderung, als Vorbereitung auf Angriffe in realistischen Alltagssituationen aber eine willkommene Erfahrung.

Auch der folgende Tag beginnt an einer einmaligen und sehenswerten Location: Training in einem modernen Gewerbegebiet, der Dockland Area im Altonaer Hafengelände. Das Hafengelände bietet den perfekten Rahmen für einen „Obstacle Course“ – einen vorgegebenen Parcours, den es unter Krav Maga relevanten Aspekten (und entsprechenden Hindernissen) zu durchqueren gilt. Kurze Wiederholung der gängigen Stock-Abwehr und dem taktischen Bewegen bei mehreren Angreifern unter Beobachtung der samstäglichen Spaziergänger.

Crosstown – Obstacle Course & Hostage Situations

Anschliessend wird die Gruppe geteilt, jeweils eine Hälfte stellt die Angreifer für die andere Hälfte der Gruppe. Ein bisschen schauspielerisches Talent ist bei diesen Parcours immer gefragt, schliesslich geht es darum auf potentielle Angreifer adäquat zu reagieren. Nicht immer ist hierbei eine kämpferische Lösung die richtige, die taktisch beste oder gar angemessene.

So vergehen die Seminartage: jeder Vor- und Nachmittag bietet ein erschöpfendes Highlight, wie etwa eine Trainingseinheit am Elbstrand, kräfteraubend und mit jeder Menge Sand im Zahnschutz – welcher auch Tage später noch im heimischen Training knirschende Erinnerung wachruft. Und kein „Crosstown“ bei dem nicht mindestens ein Training in öffentlichen Verkehrsmitteln stattfindet: die Sitzgelegenheiten in unserem Doppeldecker-Shuttlebus werden kurzerhand zur Light-Fight-Zone mit Hostage-Szenariotraining.

„Always train in a position of disadvantage“

So elementar das „Einschleifen“ von Techniken unter kontrollierten Situationen auch ist, so wichtig sind Szenariotrainings für Alltagssituationen. Denn die Realität weicht von der idealtypischen Simulation in fast allen Fällen ab. Uns an die Unsicherheit und den Stress eines ungewohnten Umfelds, nachlassender Konzentration, körperlichen und mentaler Belastung im möglichen Verteidigungsfall zu gewöhnen, ist daher für uns im Krav Maga Dreh- und Angelpunkt, und unterscheidet unser Tun von sportlichem Wettkampf.

Die Möglichkeit, eine solche Bandbreite an ungewohnten Umgebungen über mehrere Tage lang zu „bespielen“ bietet keine vergleichbare Veranstaltung. Und selbstverständlich macht es bei der guten Hamburger Organisation trotz des ernsten Hintergrunds auch jede Menge Spaß mit Gleichgesinnten aus Deutschland (und dem europäischem Ausland) Trainingseinheiten in diesem Rahmen zu absolvieren. Erfahrungsgemäß trägt sich die Motivation immer ein bisschen mit bis nach Hause und färbt in der eigenen Trainingsgruppe auf Daheimgebliebene ab. Der frische Hamburger Wind weht also noch ein bisschen länger um die eigene und fremde Nasen.