No self no problem

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Im Krav Maga gibt es den “Fast Retreat”, den schnellen Rückzug, der vor allem bei Messerangriffen zur Anwendung kommt (aber nicht nur da): Nach erfolgter erster Abwehr und Gegenattacke zieht man sich sofort vom Ort des Geschehens zurück. Auch gehört zur Verteidigung gegen einen unvermittelten, unerwarteten Sidekick der Ablauf “Retreat backwards, lift leg,…”

Nichts davon hat selbstverständlich mit einem Meditations-Retreat zu tun. Retreat bedeutet in diesem Fall auch “Rückzug” – aber eben vom üblichen Leben. Eigentlich handelt es sich aber um ein Trainingslager, wie man es vom Krav Maga oder vom Triathlon auch kennt: Eine Woche lang eat-train-sleep. Eine Woche lang Fokus auf die zu übende Disziplin, unter weitgehender Ausschaltung aller Normalitäten oder Geschäftigkeiten.

Ein Meditations-Retreat ist ein Trainingslager des Geistes, vor allem des Geistes. Denn gewisse physische Aktivitäten (meditatives Gehen, Yoga) und physische Resonanzen (Bodyscan) gibt es dort auch. Man macht verdichtere, intensivere Erfahrungen als im Alltag; und man widmet sich dieser einen Sache ausschließlich unter Ausblendung jeglicher Ablenkungen.

Und während man im Krav Maga- oder Triathlon-Camp in den (Mittags-)Pausen und nach Abschluss der letzten Trainingseinheit nach Herzenslust direkt oder digital kommunizieren kann, gilt das im Retreat nicht. Übungszeit ist der ganze Tag, auch außerhalb der angesetzten Zeiten von 9 bis 20 Uhr. In denen wird im 30- bis 45-Minuten-Wechsel ununterbrochen sitzend oder gehend meditiert, oder der Lehrer gibt Anweisungen, Erläuterungen, hält einen Vortrag. Ach ja, und zwischendurch isst man auch mal, schweigend.

Zu meiner Ausbildung als vom Center for Mindfulness (CFM) anerkannter MBSR-Lehrer gehört ein Meditations-Retreat, das heute kurz vorm Abschluss steht. Eine Grundeinstellung dabei lautet: No hurry – nothing to do – nowhere to go – noone to be. Es kann sehr befreieind sein, nur-so-da zu sein, und nicht über Beruf, Tätigkeiten, Rollen definiert und eingeschätzt zu werden. Man kann dann viel in sich hineinlauschen, wer man und was man ist, wenn man nicht seine Etiketten, Zuschreibungen, Rangabzeichen vor sich herträgt.

Und es hilft, das eigene Ego flach zu halten, sich bescheiden und zurückhaltend zu verhalten, im positiven Wortsinne demütig zu sein: “Be humble”, wird KMG-Head Instructor Eyal Yanilov nicht müde, Imis Worte zu wiederholen. Nachdem mein Ego nach dem erfolgreichen Leveltest zum Expert 1 vielleicht einen Höhenflug angetreten ist, kann ich hier also gegensteuern. ;-)

Wir sind in einem Schweige-Retreat, d.h. außer dem Allernotwendigsten ist Reden verboten. Man kennt sich nicht, und weil man nichts erzählen darf, wissen wir folglich nicht, wer was macht und wer was ist. Man begegnet sich im Schweigen als der Mensch, der man ist. Nicht mehr, nicht weniger.

Zu den Regeln gehört auch, Augenkontakt weitgehend zu vermeiden, sexuelle Enthaltsamkeit für diejenigen, die im Umland wohnen und abends heim zu ihren Familien fahren (für die anderen natürlich auch) und eben Stille (was auch bedeutet: kein Lesen, Schreiben, SMS, Twitter, Facebook, Foto)… nur heute Nachmittag sind die Regeln etwas aufgehoben, weswegen ich diese Zeilen verfassen kann.

Und dann wäre da noch: Not intoxicating body & mind. Womit Alkohol- und sonstige Medikamenten-/Drogenzufuhr gemeint ist. Denn Vernebelung ist nicht förderlich, wenn man daran geht, den eigenen Geist zu erforschen, diesen sozusagen von außen durch die Lupe der Meditation zu betrachten.

Und wenn es leicht wäre, seine eigenen mentalen Grundlagen zu erforschen und zu erweitern, würde es ja nichts bringen. So wie ein KM-Camp ja sinnlos wäre, wenn es nichts neues zu lernen gäbe – bzw man nicht über seine Grenzen hinaus aus seiner Comfortzone geleitet würde. Und hier, im Retreat, geht es darum, seinen Geist zu erfahren, erleben und damit zu experimentieren – und das ist etwas anderes, als nur Notiz davon zu nehmen.

Jon Kabat-Zinn, Begründer der Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR), hat gesagt: Meditation is not for the faint of the heart. Frei übersetzt: Meditation ist nichts für Feiglinge. Kabat-Zinn wiederum hat dem antiquierten buddhistischen Denken vom Leiden einen modernen Namen gegeben, den jeder Krav Maga-Ausübende kennt: Shit happens. Oder auch: Stress.

Man muss nicht Buddhist sein oder werden, wenn man sich mit Meditation beschäftigt – aber es schadet nicht, die buddhistischen Grundlagen zu kennen. Der Buddha hat z.B. gesagt: Wenn wir unsere Ängste anerkennen, verschwinden sie. Das ist allgemein im Leben ganz nützlich, und für jemanden, der sich mit Kampf beschäftigt besonders. “Accept defeat” beispielsweise ist eine mentale Übung aus dem KMG Combat & Fighting Instructor’s Course, die sich mit der Angst vor der Niederlage, vor Verwundung, Verletzung, dem Tod und der Angst vor der Angst beschäftigt.

Hab ich keine Angst vor dem Tod, vor Schmerz, vor der Niederlage, bin ich als Kämpfer nahezu unbesiegbar. Das haben die Ritter aller Gesellschaften quer durch die Geschichte gewusst, und die japanischen Samurai ganz besonders – weswegen sie sich hingebungsvoll der Zen-Meditation widmeten. Was ich früher und während meines Studiums der klassischen japanischen Kampfkünste auch auch eifrig getan habe.

Und deswegen schließt sich auch ein Kreis. Was im japanischen Altertum Schwertfechten und Zen-Meditation gewesen sind, sind in der Moderne etwa Krav Maga und MBSR.

Hier im Retreat sind wir im “Sumpf” unserer Geisteszustände, meint unser Meditationslehrer, der mehr als acht Jahre als Mönch in einem Kloster in Burma zugebracht hat. Was ihn nicht davon abhält, eine derbe US-amerikanische Sprache gelegentlich zu pflegen und vom Kloster als “shit accelerator” zu sprechen.

Oder letztlich alles auf einen Punkt herunterzubrechen: No self no problem. Denn alles in allem, und darum geht es letztlich in jedem Mentaltraining, ob es religiös, spirituell, pragmatisch, sportlich oder wie auch immer gefärbt ist: The mind is the creator for our hells and heavens.