Trainingslager der anderen Art

20120824 232847Wenn ihr diesen Beitrag zu lesen beginnt, sitzen wir im Flieger nach Hawaii… Chrissie Wellington ist ja in diesem Jahr nicht dabei, aber ihre unangefochtene Dominanz wohl noch in Erinnerung. Diese Dominanz schreibt sie vor allem ihrer mentalen Stärke zu (andere anderen Boostern), und dazu hat sie dem US-Fernsehsender CNN vor geraumer Zeit einiges erzählt: „Train your brain, then your body“ ist das Interview betitelt, in dem sie unter anderem sagt:

Wellington: (…) I showed, through my performance there, that sporting success rests, in part, with having the mental fortitude necessary to overcome our fears, pain and discomfort.

CNN: But how does one develop that strength? Is it innate, or can it be learned?

Wellington: I believe it is the latter. We can all train our brains to be as strong as our bodies. It sounds simple, but it’s so easy to forget. If we let our head drop, our heart drops with it. Keep your head up, and your body is capable of amazing feats. To plunder the words of Kareem Abdul-Jabbar, „Don’t ever forget that you play with your soul as well as your body.“ The message is this: All the physical strength in the world won’t help you if your mind is not prepared. This is part of training for a race — the part that people don’t put in their logbooks, the part that all the monitors, gizmos and gadgets in the world can’t influence.

Wellington schildert dann eine Reihe von Tipps & Tricks, um sich im vor und im Rennen mental fit zu halten. Was sie nicht beschreibt, ist das Grundlagentraining dafür – beispielsweise kontinuierliche Meditation bzw. Achtsamkeitspraxis. Denn Visualisierung, Mantras, positive Bilder, kleine Psychotricks sind sozusagen die Tempoeinheiten des mentalen Trainings, die eben auf einem Basistraining („lange – langsam“) aufsetzen. Sehr lange, sehr langsam geht es jedenfalls auf einem Schweige-Retreat in Sitz- und Gehmeditation zu – dabei wird eine Grundlage geistiger Stabilität, neudeutsch: mentaler Fitness, gelegt.

Eigentlich handelt es sich bei einem Retreat um ein Trainingslager, wie man es vom Triathlon durchaus kennt: Eine Woche lang eat-train-sleep. Eine Woche lang Fokus auf die zu übende Disziplin, unter weitgehender Ausschaltung aller Normalitäten oder Geschäftigkeiten. Ein Meditations-Retreat in Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) ist ein Trainingslager des Geistes, vor allem des Geistes. Denn gewisse physische Aktivitäten (meditatives Gehen, Yoga) und physische Resonanzen (Bodyscan) gibt es dort auch. Man macht verdichtere, intensivere Erfahrungen als im Alltag; und man widmet sich dieser einen Sache ausschließlich unter Ausblendung jeglicher Ablenkungen.

Aber während man im Triathlon-Camp in den (Mittags-)Pausen und nach Abschluss der letzten Trainingseinheit nach Herzenslust direkt oder digital kommunizieren kann, gilt das im Retreat nicht. Übungszeit ist der ganze Tag, auch außerhalb der angesetzten Zeiten von 9 bis 20 Uhr. In denen wird im 30- bis 45-Minuten-Wechsel ununterbrochen sitzend oder gehend meditiert, oder der Lehrer gibt Anweisungen, Erläuterungen, hält einen Vortrag. Ach ja, und zwischendurch isst man auch mal, schweigend.

Eine Grundeinstellung dabei lautet: No hurry – nothing to do – nowhere to go – noone to be. Es kann sehr befreiend sein, nur-so-da zu sein, und nicht über Beruf, Tätigkeiten, Rollen definiert und eingeschätzt zu werden. Man kann dann viel in sich hineinlauschen, wer man und was man ist, wenn man nicht seine Etiketten, Zuschreibungen, Rangabzeichen, Pokale, Wettbewerbs-Teilnahmen vor sich herträgt. Und es hilft, das eigene Ego flach zu halten, sich bescheiden und zurückhaltend zu verhalten, im positiven Wortsinne demütig zu sein. Man stärkt sich letztlich dadurch.

Zu den Regeln gehört auch, Augenkontakt weitgehend zu vermeiden, sexuelle Enthaltsamkeit für diejenigen, die im Umland wohnen und abends heim zu ihren Familien fahren (für die anderen natürlich auch) und eben Stille (was auch bedeutet: kein Lesen, Schreiben, SMS, Twitter, Facebook, Foto). Und dann wäre da noch: Not intoxicating body & mind. Womit Alkohol- und sonstige Medikamenten-/Drogenzufuhr gemeint ist. Denn Vernebelung ist nicht förderlich, wenn man daran geht, den eigenen Geist zu erforschen, diesen sozusagen von außen durch die Lupe der Meditation zu betrachten. Es zeigt sich, wieviel Unruhe in einem ist, wenn die üblichen Zerstreuungen und Ablenkungen nicht greifbar sind.

Wenn es leicht wäre, seine eigenen mentalen Grundlagen zu erforschen und zu erweitern, würde es ja nichts bringen. So wie ein Triathlon-Camp ja sinnlos wäre, wenn es nichts neues zu lernen gäbe – bzw man nicht über seine Grenzen hinaus aus seiner Comfortzone geleitet würde. Und im Retreat geht es darum, seinen Geist zu erfahren, erleben und damit zu experimentieren – und das ist etwas anderes, als nur Notiz davon zu nehmen.

MBSR-Begründer Jon Kabat-Zinn hat gesagt: Meditation is not for the faint of the heart. Frei übersetzt: Meditation ist nichts für Feiglinge. Kabat-Zinn wiederum hat dem antiquierten buddhistischen Denken vom Leiden einen modernen Namen gegeben, den Jeder kennt: Shit happens. Oder auch: Stress.

Triathlon-Legende Mark Allen hat das schon früher hervorgehoben: Physisch gut trainiert sind alle Top-Athleten beim Start in Hawaii. Aber wer gewinnt, entscheidet sich an zwei Stellen – und dabei legt er im Video die Hand auf Herz und Hirn.

Über Oliver

Professional Krav Maga Instructor (KMG), Kettlebell Instructor (HKC). Mentaltrainer (MBSR, NLP).
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