Hitzeschlacht in Klagenfurt

Start2012IM

Zehn Tage vor dem Wettkampf reiste ich an, um mich zu akklimatisieren und die Strecken kennen zu lernen. Österreich war zu diesem Zeitpunkt die heißeste Gegend Europas und Klagenfurt das Epizentrum. Täglich Temperaturen über 30 Grad Celsius im Schatten – und der Wörthersee heizte sich immer mehr auf. So langsam mussten wir mit einem Neoverbot rechnen.

Die Radstrecke war wenig verändert gegenüber 2010. Die zwei Runden hatten jeweils zwei kräftige Anstiege und insgesamt rund 1700 Höhenmeter. Ohne große Anstrengung konnte ich sie im Training zweimal mit einem 27er Schnitt abfahren.

Die Laufstrecke ist flach, allerdings großteils schattenlos.

Am Samstagmorgen bei der Wettkampfbesprechung kam es, wie es kommen musste: Es wurde ein absolutes Neoverbot verkündet. Der See hatte draußen knapp 25 Grad Celius und das Wetteramt prophezeite ein weitere Erwärmung. Das schreckte viele ab.

Von den 2723 gemeldeten Startern gingen am Sonntag nur 2369 (also über 13 Prozent weniger) über die Startmatte im Strandbad. 1997 der Starter erreichten schließlich das Ziel – eine Dropout-Quote von 372 Teilnehmern, fast 16 Prozent! Um die Mittagszeit wurden 35 Grad Celius im Schatten und 43 Grad Celsius in der Sonne gemessen.

Schwimmen

Zur Startzeit herrschte eine Lufttemperatur von 22 Grad Celsius, Wassertemperatur in Ufernähe 27 Grad, draußen immer noch fast 26 Grad. Ich hatte mir vorgenommen, es langsam angehen zu lassen. Während der Vorbereitung hatte ich hauptsächlich Neoschwimmen trainiert, weil in der 13jährigen Vorgeschichte des IM Austria immer mit Neo geschwommen wurde und keiner damit rechnete, dass der Wörthersee zur größten Badewanne Österreichs werden könnte.

Bis zur 1300 Meter-Boje lief auch alles ganz nach Wunsch, obwohl die vielen Zuschauerboote störende Kabbelwellen verursachten, die bei mir nicht so den richtigen Rhythmus aufkommen ließen. Nach der 1800 Meter-Wendeboje wurde es jedoch katastrophal. Die aufgehende Sonne blendete und verhinderte jegliche Orientierung an den Landmarken.

Eine weitere Boje gab es nicht. Ich wusste nicht, wo der Eingang zum Kanal war. Den Schwimmern vor mir musste es ähnlich gehen. Sie schwammen in alle mögliche Richtungen und waren keine Orientierungshilfe. Für die 1000 Meter zum Kanaleingang benötigte ich genauso lange wie für die ersten 1800 Meter. Ich war heilfroh, als ich den Kanal erreichte. Von richtigem Schwimmen konnte hier bei mir nicht mehr die Rede sein. Es war ein einziger Kampf gegen die nicht gemähten Schlingpflanzen.

Ich versuchte mich am Rand zu halten und stieß mich immer öfter vom Boden ab. Endlich sah ich den Ausstieg, hörte den Lärm der Helfer und sah den Kampfrichter, der auf seine Uhr deutete. Die Helfer bildeten eine Kette und rissen mich aus dem Wasser. Der Kampfrichter rief, ’so das war der Letzte‘; so etwas nennt man Narrow Escape!

Radsplit

Ich war total kaputt! Durchschnaufen, etwas erholen, umziehen. Jetzt kann das Rennen beginnen – dachte ich. Bei den Rädern angekommen, erkannte ich, dass ich nur noch einen Konkurrenten in der Altersklasse hatte. Die beiden Anderen hatten das Schwimmen nicht rechtzeitig beendet. Also raus aufs Rad und ab die Post. 30er Schnitt war mein Ziel.

Die Post war aber eher eine Schneckenpost… und das lag nicht an den langsam hochgehenden Temperaturen. Im Gegenteil, ich fühlte mich wohlig warm, alleine die Beine waren schwer. Auf den leichten Abfahrten versuchte ich, mich zu erholen, statt zu beschleunigen. Die Anstiege konnte ich nur sehr gemächlich bewältigen. Trotzdem konnte ich nach und nach einige Teilnehmer einsammeln, denen es noch schlechter ging als mir.

Erschrocken stellte ich nach der ersten Runde fest, dass ich nur knapp einen 24er Schnitt gefahren war. Das würde nicht reichen, den 10-Stunden Cut zu schaffen! Ich musste mich also zusammenreißen und wieder kämpfen. Und ich war platt! Jetzt schon Cola und viel Wasser, Squeezies und Riegel nicht vergessen, Salztabletten! Und dann noch zwei Minuten Dixi. Mit knapper Not erreichte ich nach 9:58 Std. wieder die Wechselzone. Geschafft! Da lagen etliche im Schatten und wollten oder konnten nicht mehr.

Laufen

Aufgeben kam aber für mich nicht in Frage. Der blöde Spruch ‚Death before DNF‘ ging mir durch den Kopf. Und Laufen ist meine Stärke. Vielleicht kommt endlich die zweite Luft und ich kann durchstarten. Aber die Hoffnungen zerschlugen sich an der ersten kleinen Steigung. Ein 6er Schnitt war nicht mehr drin. Jetzt spürte ich auch die Hitze. Zwei Seelen kämpften in meiner Brust -oder besser in meinem Kopf: „Es reicht doch aus, wenn Du vor 24 Uhr im Ziel bist‘ gegen ‚Keep on Running, don’t walk‘.“ Als ich dann bei Kilometer 4 meinen AK-Genossen mit neun Kilometern Vorsprung traf, gratulierte ich ihm zum Hawaii-Slot und beschloss, nur zu finishen. Eine knappe Stunde war bei den Temperaturen und meinem Zustand nicht aufzuholen.

Ich nahm mir vor, solange die Sonne schien, zu gehen und nach Sonnenuntergang die zweite Runde zu joggen. Das müsste dicke reichen.

Wenn man so unter den allerletzten im Dunkeln ist, sind die Absperrungen schon teilweise weggeräumt, und prompt machte ich im Europapark auch noch fast einen Kilometer Umweg. Aber das ließ mich cool, ich hatte noch genügend Zeit.

Mittlerweile hatte es sich rumgesprochen, dass der älteste Teilnehmer (ich) noch unterwegs ist, aber gut aussah und rechtzeitig ins Ziel kommen würde. Ab Kilometer 40 rannten zwei junge Mädchen mehr hinter als neben mir her und riefen, ‚du schaffst das, wir bringen dich ins Ziel‘. Ab Kilometer 41 hörte ich den Finishline-Moderator rufen, ‚der älteste und letzte Teilnehmer ist auf dem Weg ins Ziel und kann uns schon hören‘, und er ermunterte die Menge, mich anzufeuern. (Ich war zwar nicht der letzte, aber offensichtlich machte sich das gut für die Moderation.)

Schließlich kam ich nach 16:44:06 Stunden zum Zieleinlauf. Einen solchen Lärm hatte ich noch nicht gehört. Die Emotionen kochten hoch. Die ganze Menge brüllte auf Kommando ‚You are an Ironman‘. Im Ziel ’stritten‘ sich die Helferinnen, wer mir die Medaille umhängen darf. Diesen Einlauf werde ich so schnell nicht vergessen!

Auch bei der Siegerehrung am Montag war noch mal die Hölle los. Mit meiner miesen Leistung hatte ich mir ja noch den 2. Platz in der M-70 erkämpft. Die älteste Finisherin, Valerie Gonzales, F-65, und ich wurden nochmals gesondert auf das Podium gerufen und erhielten Standing Ovations. Wildfremde Leute wollten mit mir fotografiert werden.

Nachbetrachtung

Nüchtern betrachtet bleibt übrig, dass ich doppelt solange wie der Sieger unterwegs war. Ich blieb mindesten drei – vier Stunden hinter meinen Möglichkeiten.

Aber woran lag’s? Ich war nach dem Schwimmen total ausgepowert. Ich hatte zwar die Nacht zuvor nur gut zwei Stunden richtig geschlafen, aber der Hauptgrund war wohl, dass ich mich in der Vorbereitung zu stark auf das Neoschwimmen konzentrierte! Mir fehlten längere Einheiten ohne Neo. Auch fehlte es mir sonst etwas an Trainingsfleiß. Auf der Halbdistanz im Kraichgau ist das nicht so aufgefallen, beim Ironman aber wird nichts verziehen.

Andererseits habe ich durch Willenskraft das Ziel erreicht: Ich musste standig gegen den Cut kämpfen, und habe trotzdem nicht aufgegeben. Man sieht, der Ironmanslogan ‚Anything is Possible‘ ist durchaus doppeldeutig!

Alle Ergebnisse gibt es hier: http://www.ironmanlive.com/tracking.php?race=austria&year=2012

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2 Antworten zu Hitzeschlacht in Klagenfurt

  1. Oliver sagt:

    Jürgen, du bist wirklich der Hammer! Allergrößter Respekt! Ich wünschte, ich hätte soviel mentale Toughness wie du!

  2. Triatom sagt:

    Hallo Jürgen!
    Tolle Leistung und großer Respekt unter diesen Bedingungen bis zum Ende durchzuhalten und zu finishen! Ich kenne die Strecken und kann das beurteilen. Beim schwimmen orientiert man sich am besten an der burgähnlichen Villa, dann kommt man an 🙂
    2006 bin ich gestartet, war auch schön warm, aber das Schwimmen war mit Neo. Ich hab im Neo geschwitzt wie ein Schwein. Gott sei Dank hat der See trinkwasserqualität und so hab ich bewusst kräftig getrunken (natürlich vor dem total gammeligen Kanal). das half nachher beim Radfahren.
    Insgesamt aber erlebte ich den WK einer der schönsten, mit viel Engagement und Herz gemacht, tolle Strecken und auch die Zuschauer waren (und sind immer noch) gut drauf. Wenn Du mal was ausserhalb des IM Labels in Austria machen möchtest: Podersdorf (geht am gleichen Tag als Halbdistanz und auf der IM Distanz)!
    Klein aber fein, tolle Location und alles mit dem Charme eines Weinfestes 🙂
    Nun erstmal die Füsse hochlegen, see you beim CelticMan / Senioren Liga.
    Grüße TriaTom

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