Krieger und Kampfgeist

Kona Pier 2010

Tja, Kona. Vergangenes Jahr war ich zu diesem Zeitpunkt bereits im Mekka der Triathleten. Und das, nachdem mich ein Fehler der Reisebüroangestellten fast ins falsche Kona – das im Norden von Oahu – geschickt hatte. Sie – wie ich – wusste damals tatsächlich nicht, dass Kona auf Big Island deswegen auch Kailua-Kona tituliert wird, um es vom Namensvetter auf der kleineren benachbarten Insel (die dafür aber Honolulu ihr eigen nennt) zu unterscheiden. Zum Glück fiel mir noch auf, dass der Hawaii Ironman eben auf Big Island veranstaltet wird…

Die FR ist ihren Triathleten und sein Ironblog (also mich) seit ein paar Wochen los, da springt die FAZ in die Bresche 😉 …und kann sogar auf eine Mitarbeiterin verweisen, die in Kona an den Start geht und darüber bloggt: Susanne Braun berichtet von ihren Erlebnissen in ihrem “Ironman”-Tagebuch, und ich drücke die Daumen. Ich beneide dich, Susanne!

Im vergangenen Jahr sah es so aus:

Macca ist nicht mit von der Partie, dafür aber Chrissie, nur hat’s die böse hingelegt und ihren jüngsten Blogbeiträgen hat sie recht viele Zeilen darauf verwandt, über ihre auf dem Asphalt klebende Haut zu sinnieren. Kämpferin, die sie ist, wird sie trotzdem wohl Vollgas geben, und wie sie sich in die entsprechende Stimmung versetzt, hat sie auch breit geschildert.

Dazu nimmt sie – wie es wohl en vogue zu sein scheint – Bezug auf’s Kriegertum und schreibt unter dem Titel “War wounds: fighting spirit” über den wohl wichtigsten Motivationsfaktor. Dass Mentalcoaches für Ausdauersportler auf Kriegerbegriff und Kampfgeist abheben, ist mir als langjährigem Selbstverteidigungs- und Kampfsporttrainer schon häufig aufgefallen (bspw. “Spirit of the Dancing Warrior” – ein Buch, das ich derzeit lese, dessen Meditations- und Visualisierungsanweisungen ich folge, und das sich an Sportler aller Art richtet), aber Chrissie lehnt sich gleich an Sun Tzu und seinen Klassiker “Die Kunst des Krieges” an. Sie erzählt von ihrer ersten Begegnung mit dem Werk:

It came in the form of a small book by a Chinese general named Sun Tzu, written around 403-221 B.C. and entitled “The Art of War’. I had instructions to read this guide to military strategy from cover to cover before my first World Championships in Kona 2007. And now four years later, having battled the tarmac and lost, and with Hawaii fast approaching, I find myself revisiting this book, and using the following advice to help me overcome the discomfort, pain and mental challenge and prepare for one of the biggest races of my life.

Damit rennt sie natürlich bei mir offene Scheunentore ein, denn schließlich firmiert das Ironblog unter dem Motto ke alahele o ke koa – dem Motto des 2010er Hawaii Ironman, zu deutsch: der Weg des Kriegers. Mit dem „Krieger“ in diesem Sinne ist natürlich nicht der Schlächter & Schlagetot gemeint, sondern der Kampf gegen sich selbst, die Auseinandersetzung mit der eigenen Physis & Psyche und der Fokus aufs Ziel.

Chrissie geht in zehn Punkten auf einzelne strategische und taktische Elemente ein, die Sun Tsu für die erfolgreiche Kriegsführung skizziert…

— präzise Vorbereitung; seine eigenen Stärken und Schwächen kennen; das Unerwartete erwarten, und sich schnell und flexibel anpassen können; die Gegner gut kennen und einschätzen können; die Gegner so zu überraschen, dass ihr Wille zum Sieg gebrochen wird; das Terrain der Schlacht bestens kennen; trotz aller Siege Bescheidenheit und Zurückhaltung wahren —

… und schließt mit den Worten:

We are all waging our own personal wars on the triathlon battleground, with the aim of achieving the inner peace that comes from crossing that hallowed finish line. So, when that canon fires on 8 October over Kailua Bay, despite my bruises, scars and war wounds rest assured I will be ready to fight the best fight possible in my own battle to regain the title of World Ironman Champion.

Der wichtigste Passus aber ist derjenige, in dem sie Sun Tsus Überlegungen zur mentalen Stärke aufnimmt:

And of course we are also engaged in our own personal war of attrition. Battling the enemy of self doubt, of discomfort, of the little voice telling us to quit, and of the dreaded adversary that is ‘ GI’ (distress) Jane. Although we all suffer disillusionment or motivational slumps, victors have developed a call to arms that can fuel their fire and reignite their passion and courage – whether it be a mantra, a poem or even a picture of a loved one taped to the top tube of their two wheeled bullet. Moreover, these warriors are buoyed by an inner self belief, which immunizes them against what naysayers might utter or do – knowing that the battle cries of others are often like an unloaded gun.

Kann man das trainieren? Wer Chrissie erlebt hat, möchte daran zweifeln: Solch ein Ausbund an überschäumender Fröhlichkeit, Begeisterung, never-quit-never-surrender-Haltung (man erinnere sich an den Ironman in Hawaii vor zwei Jahren, als sie nach einem Reifendefekt zehn Minuten zurücklag und nur durch die Hilfe von Freundin Rebekkah Keat weiterfahren konnte – und mit Riesen-Abstand gewann) muss wohl genetisch bedingt sein… Ist es das? Oder kann man es lernen? Geht ihre Motivation auf ihre Zeit als Entwicklungshelferin in Nepal zurück? Welche inneren Ressourcen kann sie anzapfen, wenn das Rennen schlecht läuft? Dass sie eher bei den Männern als bei den Frauen mitläuft?

Mag sein, dass man aus einer trüben Tasse keine alle Widrigkeiten begeisternd und mit einem Lachen auf den Lippen meisternde Chrissie Wellington machen kann, aber im Selbstverteidigungstraining des Krav Maga haben wir Methoden, aus einem Schaf keinen Wolf, so aber doch ein Kampfschaf machen zu können. 😉

D.h., wir bereiten physisch wie mental Personen auf den größtmöglichen Konflikt mit der größtmöglichen Angst vor. Nicht die, ein Rennen zu verlieren, sondern die, ein Leben zu verlieren. Das gilt für Otto Normalverbraucher genauso wie für Profis in der Sicherheitsbranche: (Elite-)Soldaten wie -Polizisten, Security-Kräfte und Personenschützer. Die Mechanismen, die man sich dabei aneignet, lassen sich natürlich auf jede andere Herausforderung an Physis und Psyche übertragen.

Wer freilich seine mentalen Qualitäten verbessern will, muss deswegen keine life-or-death-Szenarien in close quarter battle-Umgebungen oder killhouses trainieren, nur keine Sorge. Wenn es um Ziele und Veränderungswünsche eigener Verhaltensweisen geht, leistet das Neurolinguistische Programmieren ganz Erstaunliches. Gerade dann, wenn es weniger um Therapie, sondern um Selbstoptimierung des gesunden Neurotikers – also uns allen – geht.

Ein bißchen NLP benutzen alle, die sich das erfolgreiche Durchqueren der Finishline in all dem Jubel der Zuschauer intensiv vorstellen, und diesen Film vor dem eigenen Auge mit den zu erwartenden negativen Gefühlen während des Wettkampfes koppeln (etwa Panne, Verlust der Schwimmbrille, Schmerzen etc) . Man nennt das im NLP „ankern“ – im vorliegenden Fall: Wenn die negativen Gefühle hochkommen, diese automatisch die positiven des schon einmal erlebten, memorierten „moments of excellence“ mit hervorbringen und diese Erinnerung die negativen überlagert. Aber zu NLP und seiner Funktionalität in Training und Wettkampfvorbereitung ein andermal mehr.

Übrigens, neben der „Kunst des Krieges“ steht beim Kampfsportler gerne noch Miyamoto Musashis „Gorin-no-sho“ und Tsunetomo Yamamotos „Hagakure“ im Bücherregal – zwei weitere Klassiker der Strategie und mentalen Vorbereitung. Beide haben ihren Platz auch in der Managementliteratur gefunden, sofern diese sich mit der ökonomischen Konkurrenz und strategischer Entwicklung beschäftigt.

Über Oliver

Professional Krav Maga Instructor (KMG), Kettlebell Instructor (HKC). Mentaltrainer (MBSR, NLP).
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