Im Sumpf. Im Retreat.

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Zehn Tage im Schweigen, kein Kontakt zu anderen, kein Internet, kein Fernsehen – wozu soll das gut sein? In einem Meditations-Retreat macht man das so, in das Wort „Retreat“ gibt schon den wichtigsten Hinweis: Es geht um einen Rückzug. Um einen Rückzug von den üblichen Beanspruchungen und Belastungen, den üblichen Anläufen und Alltäglichkeiten, den üblichen Ablenkungen und Zerstreuungen, mit denen man sich das Leben – scheinbar – leichter zu machen versucht.

Insofern bedeutet ein Retreat tatsächlich so etwas wie ein Urlaub. Nur eben ein Urlaub vom Üblichen, ein Urlaub von eingefahrenen Schienen, ein Urlaub vom Autopiloten, der unser Leben bestimmt. Urlaub davon, in Gedanken und Gefühlen in der Vergangenheit zu sein oder in der Zukunft. (aber nicht in dem einzigen Zeitpunkt, der zählt – „jetzt“).

Und es ist natürlich kein Urlaub im landläufigen Erholungssinne, denn natürlich bedeutet das Kontakt- und Kommunikationsverbot (ein absolutes Verbot ist es übrigens, zumindest in einem Vipassana-Retreat, nicht – sondern eher ein dringlicher Appell an die Selbstverantwortung und die Idee, das, wenn es etwas bewirken soll, es schlau wäre, diese Regel einzuhalten) eine mentale Herausforderung. Viele meiner Bekannten erachten zehn Tage im Schweigen zu verbringen, ohne iPhone & Co. zu nutzen, ohne TV, nichts zu lesen und nichts zu schreiben, als eine erhebliche Herausforderung…

Folglich handelt es sich bei einem Retreat um ein Mental-Trainings-Lager. Da es unspezifisch ist und sich nur dem eigenen tatsächlichen oder vermeintlichen Selbst widmet, kann man es als Sportler als eine Art Grundlagentraining verstehen; sozusagen lange-langsam auf der mentalen Ebene. Es geht nicht um Meditations-Techniken, die vordergründigen Zielen dienen sollen, wie Leistungssteigerung, „Performance-Boost“ oder eine Schwächephase zu überstehen – wie etwa Visualisierung u.ä. In einem Retreat arbeitet man zweckfrei an sich selbst und mit sich selbst. Sonst nichts (und doch führt dies früher oder später dazu, dass man spezifische Mental-Techniken auf dieser Grundlage besser umsetzen kann – wie etwa der lange Grundlagenlauf wichtig für ein effektives Tempowechseltraining ist).IMG 1771Im Retreat geht es nur um eins: Me, myself and I – in a mirror hall. Keine Ausweichmöglichkeiten für die Zuckungen und Wirrungen von Geist und Seele. Oder des Herzens. Oder des Bauches. Keine Ablenkmöglichkeiten von dem, was da auftaucht.

Tatsächlich befindet man sich in den ersten Tagen eines Retreats im Sumpf. Die Achtsamkeit, die man auf die Atmung („breathing“), die Körperempfindungen („body sensations“), die Geräusche („sounds“), die Gefühlsfärbungen („feeling tones“) und schließlich die Geisteszustände („mind states“) richtet, führt dazu, dass das Gedankenkarussell sich erst umso heftiger dreht, regelrecht wirbelt. Und dieser Wirbel wühlt den Seelenschlamm auf, der sich im Alltag zu einem nach und nach verkrustenden Sediment in den unteren Regionen des Geistes abgesetzt hat.

Das ist nicht immer schön, und wegen me, myself and I – in a mirror hall echoet es. Aber die Wirkung der Achtsamkeit besteht eben im Gewahrsein – im Gewahrsein des Moments so wie er ist, mit all den Empfindungen und Regungen. Wir lernen uns besser kennen, lernen unsere mentalen Muster besser kennen – und damit erhalten wir die Chance des responding instead of reacting: Sich nicht vom Autopiloten konditionierter Verhaltensweisen durchsteuern zu lassen („reacting“), sondern nach der Erkenntnis eine bewusste Entscheidung zu treffen („responding“). Damit können wir Stress und geistig-seelische Belastungen deutlich vermindern.

Dabei hilft der isolierte Charakter enorm. Bei meinem Retreat auf einem norddeutschen Seminar-Hof vor zwei Wochen trafen sich 52 Leute, darunter etwa ein Dutzend Männer. Ich kannte gerade drei von ihnen. Von den anderen wusste ich nichts, gar nichts, und so blieben sie während der ganzen zehn Tage Personen, die man nicht anhand der üblichen Klischee-Bildung entlang von Alter, Beruf, Funktion, Rolle, Zusammenhang etc. automatisch einschätzte. Sondern nur als die Personen, die sie in diesem Moment, in dieser Zeit waren: Wie sich bewegten, wie sie Meditationshalle betraten, wie sie sich setzten, wie sie saßen, wie sie aßen, wie sie gingen, was sie für Kleidung trugen.

IMG 1790Es begegnet also einem ein Mensch in seinem bloßen So-Sein – ein (fast) unbeschriebenes Blatt. Eine faszinierende Erfahrung. Nach einer Weile entsteht beim Betreten der Meditationshalle und dem weiteren Eintreffen der anderen Teilnehmer tatsächlich ein Gefühl einer schweigenden und doch zusammenhängenden Gemeinschaft – obwohl man doch kaum einen kennt!

Und das gilt ebenso umgekehrt. Man kann man selbst sein, so wie man eigentlich ist. Keine Identifikation über eine Rolle oder Funktion, kein Verhalten, weil man glaubt, sich so oder so verhalten zu müssen. Weil man das sich, seiner Rolle oder Funktion, seinem Ansehen o.ä. schuldig zu sein. Sondern strikt: no hurry – no-one to be – nowhere to go (Ja! Me-myself-and-I-in-a-mirror-hall…).

Vipassana ist eine buddhistische Richtung, eine im Verhältnis zum Zen sanfte, menschenfreundliche. Man muss keinen halben oder ganzen Lotussitz praktizieren (sondern „comfortable and alert“ sitzen), kann so viele Kissen nutzen, wie man will – nur darf man nicht einschlafen („falling awake instead of falling asleep“!). Die Geh-Meditation kennt man im Zen unter dem Begriff „kinhin“ und besteht im sehr langsamen, sehr bewussten Gehen (in etwa Tai Chi-artig) wieder unter Beibehaltung der Meditationshaltung. Alternativen sind Yoga, Tai Chi und Qi Gong – ich habe das dann auf 120 Pushups bzw. Situps in der Mittagspause erweitert ;-). Gehen und Bewegen sind also eine nahtlose Fortsetzung des Sitzens… und das achtsame Essen ist ebenso eine Fortsetzung. Gleichermaßen sollte auch geduscht oder menschliche Bedürfnisse erledigt werden.

An einem Vipassana-Retreat teilzunehmen, heißt übrigens nicht, dem buddhistischen Glauben huldigen zu müssen. Ganz und gar nicht; abgesehen davon gibt es guten Grund, den Buddhismus nicht als Religion zu verstehen (oder zu praktizieren), sondern „nur“ als eine einen Rahmen für das Richtige schaffende Ethik- und Morallehre mit einem radikalen Appell an die Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen für sein Leben, sein Schicksal und die Gemeinschaft, in der er lebt. Da gibt es keinen Gott, der von oben herab predigt und straft (also ist Buddha eher ein Jesus, aber ohne Gottvater).

IMG 1783Zu Beginn des Retreats kommen einem die vor einem liegenden zehn Tage unendlich vor; in der Mitte beginnt man zu ahnen, worum es hier gehen könnte; zum Schluss könnte man noch locker eine Woche dranhängen und überlegt sich, ob dieses im-Moment-ganz-und-gar-präsent-gewahr-und-vollständig-zu sein nicht wirklich das wahre und einzige Leben ist.

Am letzten Tag wird das Schweigen langsam aufgelöst und man kehrt in die Alltäglichkeit zurück. Auch diese Art von „Urlaub“ endet eben mal. Und man versucht dann, sich einerseits vom Alltag nicht gleich vollständig überrollen zu lassen, d.h. die „Entschleunigung“ (so ein populäres Mode-Wort) beizubehalten, andererseits sich auf den Takt der Daheimgebliebenen in eben diesem Alltag einzustellen – denn man selbst läuft einen ganz anderen „pace“.

Im Grunde aber gilt: Ein Trainingslager ist ein Trainingslager – das Tolle daran ist die Ausschließlichkeit des eat-train-sleep; egal ob in einem Radtrainingslager auf Mallorca, einem Krav Maga-Camp in Israel oder einem Meditations-Retreat nahe der norddeutschen Küste. Und so wie man auch zu Hause dann seine Trainingseinheiten im Schwimmen, Radfahren oder Laufen absolviert, so werden die Elemente des mentalen Trainingslagers daheim praktiziert – und man hofft, dass man Intensität und motivierende Atmosphäre des Trainingslagers in den Alltag hinüberretten und zumindest ansatzweise weiterverfolgen kann.

IMG 1821Triathleten und andere Sportler wenden dann das Gelernte im Wettkampf an. Die Praxis, die Anwendung des Retreats aber: ist das Leben an sich.

Be safe and have fun!

P.S.: Wer sich mehr mit einem Vipassana-Retreat beschäftigen will, dem sei das Buch des ganz und gar diesseitigen Reiseautoren und Journalisten Andreas Altmann „Triffst du Buddha, töte ihn!“ empfohlen. Besser zu beschreiben, was in einem Retreat passiert, geht wohl nicht.

Über Oliver

Professional Krav Maga Instructor (KMG), Kettlebell Instructor (HKC). Mentaltrainer (MBSR, NLP).
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