Finishen ist alles

20130830-172814.jpgEndlich mal wieder beschwerdefrei, ohne größere Verletzung im Vorfeld, einen Wettkampf bestreiten zu können – unbezahlbar 😉 … Die Vorfreude auf den Ironman Kopenhagen war deshalb riesengroß.

Und doch – die Nacht vor dem Wettkampf war wieder fürchterlich: Schlecht geschlafen, Albträume, nass geschwitztes Shirt. Und am Morgen keinen Appetit, während mein Vereinskollege Frank bereits am Tisch saß und sich die Stullen, dick beschmiert und belegt, einverleibte. Beneidenswert.

Doch von Anfang an: Gemeldet hatten wir eigentlich für die Challenge und wurden mitten in der Saison vom Verkauf an die WTC überrascht. Urplötzlich sollte aus Frank ein Ironman werden – sofern er denn finishte. Nun gut, es änderte sich ja nicht wirklich etwas, das Startgeld blieb gleich, nur statt dem Challenge-Herz bekamen wir das Ironman-Logo auf dem Rucksack und die Startnummer.

Frank reiste am Freitag aus Berlin an, ich aus dem schönen Düsseldorf. Wir hatten ein Super-Hotel (Copenhagen Island) gebucht, circa zwei Kilometer von der City, dem Rathaus und Tivoli entfernt.

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Mittags kamen wir an, konnten aber erst gegen 15 Uhr einchecken. So haben wir die Zeit genutzt und sind zur Startunterlagenausgabe gewandert. Wie so oft war ich auch diesmal von der Farbe der Badekappe enttäuscht – warum nur bekomme ich immer die hässlichen Dinger? Diesmal In lila, ein Graus. Aber wenn man sich über so kleine Dinge aufregen kann, dann scheint ja alles gut zu sein!

Die begleitende Messe, die wir im Anschluss besuchten, fiel aus meiner Sicht etwas klein aus, aber auch hier hieß es wieder: „Hallo, Du auch hier?“ Wenn man diesen Sport seit mehr als zehn Jahren (wenn auch ohne Erfolg aber mit viel Spaß *g) betreibt, dann kennt man schon den Ein oder Anderen. 😉

Die Stadt erkundeten wir am Abend zu Fuß. Viele Tipps – im Vorfeld erhalten – konnten wir gar nicht umsetzen. Aber ein nettes Lokal fanden wir trotzdem. Von den Preisen – obwohl wir es hätten wissen müssen – waren wir überrascht. Das Glas Bier für sieben Euro – da überlegt man nach dem zehnten, ob es noch ein elftes sein muss. *g

Samstag: Der normale Wahnsinn mit Reifenpannen, Regengüssen und Vorstartfieber. Beim Einchecken soweit alles im normalen Rahmen, nur bei der Helmüberprüfung hatte man den Eindruck, dass unbedingt ein Riss oder Defekt entdeckt werden sollte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, stand doch direkt daneben ein Verkaufswagen mit nagelneuen bunten Kopfbedeckungen.

Das Rad war weg, die Laufsachen abgegeben, der Wettkampf konnte also kommen. Bequem wie wir dann waren, speisten wir am Abend im edlen Hotelrestaurant a la carte, mit alkoholfreiem Bier für Frank, und richtigem, echtem Männerbier für mich (hilft etwas beim Einschlafen!). Die Nacht – siehe oben – dann aber wieder zum Vergessen.

Sonntagmorgen, zum Glück trocken, wenn auch etwas frisch. Am Schwimmstart angekommen ging es dann ganz schnell. Unser Start, der letzte der Einzelstarter (Wellenstart inklusive Staffeln zum Schluss), war um 08.05 Uhr. Die Zeit auf der Badekappe stand also nicht für die zu erwartende Endzeit *g. Die Sekunden wurden heruntergezählt und dann mussten wir ins Wasser – ein Landstart, mein erster nach nunmehr neun Langdistanzwettbewerben.

Der erste Kontakt mit dem kühlen Nass war schockierend. Obwohl, was heißt kühl, kalt war es, bitterkalt (aber ich bin in der Beziehung – ich gebe es zu – ein Weichei *g). Es war so kalt, dass ich gar nicht anders konnte als direkt mit schnellen Kraulbewegungen durchs Wasser zu pflügen. Asthmaprobleme hatte ich keine, und so blieb ich von Beginn an in einer Gruppe. Anders als sonst, wenn ich dem Feld immer hinterher schwimmen muss. Grosse gelbe Tafeln an den zu passierenden Brücken verkündeten die bereits zurückgelegte Strecke. Das wirkte – zumindest bei mir – sehr motivierend.

Aus dem Wasser kam ich dann, frierend, nach 1.27 Stunden. Für mich immer noch eine passable Zeit. Im Wechselzelt kam ich kaum dazu, den Neoprenanzug auszuziehen. Ich hatte klamme Finger, „Gänsehaut“, und bestimmt blaue Lippen. Ich stand einfach nur da, zitterte. Das Ergebnis: eine Wechselzeit von 12 Minuten!

Irgendwann kam ich doch zum Bike, entschied mich ob der kühlen Temperaturen für die Windjacke, und machte mich auf die 180 Kilometer lange Radstrecke. Mitstreiter waren kaum zu finden, die meisten Athleten waren ja vor mir gestartet und bereits unterwegs. Und die, die mit mir in der letzten Gruppe an den Start gingen, waren überwiegend auch bessere Schwimmer, somit also auch schon vor mir. Es ist und bleibt frustierend, in die Wechselzone zu kommen und man sieht nur noch sein eigenes Rad, ansonsten gähnende Leere.

Auf die Radstrecke aber freute ich mich. Auf der Homepage des Veranstalters konnte man sich ein sechsminütiges Video der 90 Kilometer-Runde ansehen. Steigungen, geschweige denn Berge oder dergleichen, waren dort nicht zu sehen, das beruhigte mich ungemein. Es ging auch sehr zügig los, ein paar Kilometer durch die Stadt, dann lange, sehr lange, am Meer entlang, etwas Schiebewind dazu und die Fahrt konnte genossen werden. Bis zu dem Zeitpunkt, als meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf circa 27 km/h sank. Was war passiert? Zuerst schob ich das auf die nun doch wellige Radstrecke, dann auf den Asphalt, viel später auf meine fehlende Muskelkraft. Aber nichts davon stimmte.

Die Erklärung war einfach – im Vorderrad war kaum Luft, besser, ein zu geringer Druck. Aber wo bitte war jetzt ein Mechanikerservice? Konnte ich so weiterrollen? Sollte ich auf einen Marschall warten, die ja alle Nas´ lang auf den Mopeds vorbeifuhren? Die Lösung war ein Radgeschäft an der Strecke, dessen Türen weit offen standen. Also dort angehalten, gefragt ob man mir helfen könne, dieses wurde bejaht, der Reifendruck konnte so wieder auf acht Bar gebracht werden, ich bedankte mich und fortan wurde wieder zügiger gefahren.

Die zweite Runde wurde dann zwar mit harten Reifen, aber leider auch bei strömenden Regen gefahren. Gut, dass ich mich nach dem Schwimmen für die Windjacke entschieden hatte, die nun den Regen etwas abhielt. Die zweite Runde wurde etwas langweilig – zum einen, weil man nun die Streckenführung kannte, zum andern, weil im „Hinterland“, sicher auch dem Regen geschuldet, nicht mehr viele Zuschauer waren. Aber die, die da waren, machten eine tolle Stimmung. Trotzdem war ich froh, nach gut 160 Kilometern rechts abbiegen zu dürfen und wieder Richtung Ziel zu fahren.

Jetzt sollte „nur“ noch der Marathon folgen. Schon auf den ersten Metern spürte ich einen leichten Schmerz in meinem arthrosegeplagten Knie. Dieser aber wurde ignoriert, ich konzentrierte mich lieber auf die enormen Zuschauermassen auf den ersten Kilometern der Laufstrecke. Ein wirklich begeisterungsfähiges Publikum. Man konnte gar nicht anders als laufen und lächeln.

Der Marathon sollte in vier Runden a´ 10,5 Kilometern absolviert werden, es war also abzusehen, dass man diese lautstarke Unterstützung mehrfach genießen konnte. In der Hafengegend wurde es etwas ruhiger, dafür durfte der Athlet dann hier die an der Kaimauer festgemachten Yachten bewundern. Manchmal wünschte ich mir – vor allem in Runde drei und vier – aber genau auf eine dieser Yachten ausruhen zu können.

Es kam wie es kommen musste – mein Knie streikte, an Laufen war nicht zu denken, ich musste wandern. Leider hatte ich noch gut 20 Kilometer vor mir, da ist der Gedanke an eine Aufgabe verständlich. Allerdings – in Roth 2011 musste ich auch verletzungsbedingt aufgeben, und habe das lange bereut. Aber 20 Kilometer gehen? Zumindest mal die ersten fünf, dachte ich mir. Und dann weitersehen. Es wurden zehn, dann die Frage, noch mal diese Tortur? Es wurde langsam dunkler, gut, da wurde man wenigstens beim Wandern nicht erkannt. *g

Also in die letzte Runde, wandernd, wenn auch zügig. Ich hatte jetzt den Eindruck, alleine auf der Strecke zu sein, und richtig, hinter mir folgten vielleicht nur noch vier, fünf andere Athleten. Aber, die meisten sind ja auch vor mir gestartet, da dürfen die auch vor mir ins Ziel. Mit dem Zielschluss sollte ich auch als Wandersmann kein Problem bekommen, das wiederum motivierte.

Wie habe ich – und auch andere – schon so oft gesagt: „Das hehre Ziel eines jedenTriathleten ist das Finishen!“ Und genau das hatte ich heute vor. Nach der Zeit fragt man mich vielleicht einmal, zweimal. Aber ob ich ins Ziel kam sicher des öfteren. Und außerdem – es ist mein Wettkampf, nicht der eines Anderen. Ich muss niemandem etwas beweisen, ich muss nur mit mir zufrieden sein. Und ich wäre an diesem Tag zufrieden gewesen, Finisher zu sein. Laufend, wandernd oder kriechend.

Nach 14 Stunden sah ich das Ziel vor mir. Till Schenk, der Moderator, erkannte mich. Ich schilderte ihm kurz mein Leid, aber er erwiderte nur, wichtig ist, dass Du angekommen bist. Und dann nahm er sein Mikrofon, forderte die Zuschauer zum Applaus auf, begleitete mich kommentierend die letzten Meter, die ich dann auch wieder laufen konnte… ein für mich sehr emotionaler Zieleinlauf.

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In einem späteren Kommentar in einem dieser sozialen Netzwerke schrieb Till dann:

„Ganz großes Kino, dass Du das so durchgezogen hast. Selten war heute das: You are an IRONMAN“ besser angebracht.

Ich stimme dem vorbehaltlos zu. *g

Übrigens, meine Zeit: 14.12 Stunden. Frank, der Ironman-Rookie, beendete den Wettkampf in 11.37 Stunden, und war bereits im Hotel, als ich noch auf der Strecke war! Und er hat Blut geleckt. Keine drei Tage später teilte er mir mit, sich für den Ironman in Kalmar/Schweden angemeldet zu haben. Ich selber bin aber der Meinung, mich vielleicht besser auf die kürzeren Distanzen zu konzentrieren. Die Belastung – psychisch – vor den Wettkämpfen, die Belastung meiner Knochen im Wettkampf, erscheint mir zu groß.
… hab ich eigentlich erzählt, dass ich mich jetzt freue, in gut drei Monaten in Cozumel/Mexiko am Start zu stehen? Irgendein Teufelchen auf meiner linken Schulter hat mich gut eine Woche nach dem Wettkampf in Kopenhagen für diesen Triathlon angemeldet *lach. Ach ja, und im Juli 2014 bin ich bei der Challenge Roth dabei.

Wie schnell doch ein Triathlet das Negative vergisst. *g

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