Der Bombay Flying Club war da

Oliver

Kastenskov und Madsen

Storyboard. Audio.

Gefragt nach einem kurzen Resümée am Ende des Workshops der
Hamburger Akademie für Publizistik
mit dem Bombay Flying Club, sind das die beiden Worte. Die beiden Worte, die das Wichtigste umreißen.

Storyboard. Audio.

„Web Documentary“ hieß der Titel des Workshops mit den beiden Dänen Henrik Kastenskov und Poul Madsen, die in Europa als MediaStorm-Pendant gelten dürfen.

Wobei auch preisgekrönte, namhafte Protagonisten wie sie offensichtlich noch ein paar nüchterne Allerwelts-Aufträge als Fotografen erledigen müssen, um ihr Dasein zu fristen. Ob man mit aufwändigen Multimedia-Projekten in Zukunft als Freelancer wirklich Geld verdienen kann, scheint ebenso in ihrer Diktion eher eine Frage der Hoffnung denn der Gewissheit zu sein.

Denn Kastenskov und Madsen erwarten, dass die User irgendwann den ganzen billigen Schund & Schmutz im Web Leid sein und sich wieder für Qualitätscontent interessieren werden. Und dieser müsse dann angesichts ausgedünnter und in enge Ablaufroutinen eingespannter Redaktionen von Freischaffenden geliefert werden. Derzeit aber, nun ja, zahlten Redaktionen noch nicht ‚mal ’nen Appel und ’nen Ei für Multimedia-Produktionen mit tagelangem Produktionsaufwand, gaben die beiden aus ihrem Erfahrungsschatz preis. Geld verdienen könne man mit Multimedia nur bei anderen Auftraggebern – Stiftungen, NGO’s etc.

Poul Madsen hat dazu auch einiges dem Blog Innovative Interactivity in der Reihe Innovative Individuals erzählt (das Bild ist schrecklich, in Wirklichkeit sieht er viel netter aus und ist es auch), u.a.

The lesson learned here is that no one will watch your multimedia if you don’t present it in an interesting way. The amount of Soundslides and basic multimedia stories that are out there are growing by the minute and people – including myself – do not have the patience to watch these stories. Most of them are simply just too boring to watch.

Poul MadsenWer sich davon nicht abschrecken lassen will, für den lautet die Message: Storyboard. Audio.

Ich gebe zu: Theoretisch war mir das nicht völlig unbekannt. Aber wie so häufig: Praktisch unter Produktionsdruck kommt das noch mal anders rüber. Besonders bei einem Dreitage-Workshop – dem nach eigenen Angaben kürzesten Workshop der beiden bislang. Eine sportliche Aufgabe für alle acht Teilnehmer.

Die erste Hälfte des ersten Tages verging mit einem Vortrag vom Bombay Flying Club über den Bombay Flying Club und seine Geschichte. Über Multimedia grundsätzlich. Über Audio-Slideshows und Videos. Gelungene Beispiele. Technische Tipps & Tricks. Hardware, Software. Besonders – ah, erwähnte ich es? – zum Sound. Wofür Henrik Kastenskov der Spezialist und Guru ist: „Bad audio kills great photography!“

Genauer:

Sound is the single most important part of a multimedia production!

The first 10 seconds of your story a vital.

What’s the iconic sound, that identifies your story without visuals?

Und, praktisch:

Always use headphones – never-ever miss!!!

(Und Kastenskov meint dabei auf gar keinen Fall noch so gute iPhone-Knopf-im-Ohr-Stöpsel).

Was sich sowohl auf die Aufnahmesituation als auch auf die Post-Production bezieht. Und für mich die Anschaffung eines guten Kopfhörers bedeutet als auch die Installation der Magic Lantern-Software, die Poul Madsen trotz jüngstem Firmware-Update der 5D MkII für unabdingbar hält. Denn das Firmware-Update ermöglicht zwar die manuelle Aussteuerung der Pegel (was die Audioqualität der 5D MKII meinen eigenen Erfahrungen nach schon enorm verbessert), aber nur als grundsätzliche Einstellung. Während der Aufnahme hat man keinen Blick drauf – mit Magic Lantern schon; abgesehen ermöglicht es die externe Software u.a., einen Kopfhörer an die Kamera anzuschließen.

Henrik Kastenskov

Audio. Audio. Audio: Das meint nicht bloß die Qualität der Töne an sich. Sondern auch die Qualität der Töne als solche: Gibt es zu einer Geschichte keine guten Töne, dann gibt es keine Geschichte. Wer also ein Thema visualisieren will, sollte checken, welche Töne das Thema hergibt. Und nicht bloß, welche Bilder. In den ersten zehn Sekunden muss in erster Linie über die Töne und in zweiter Linie über die Bilder ein „hook“ entstehen, an dem der Zuschauer hängt.

Und damit sind wir beim Storytelling: Die Geschichte muss vorher klar sein. Und zwar verdammt klar. Klar, sagt der Leser jetzt, weiß ich doch. Nein, sagt der Kastenskov und der Madsen: noch klarer! Sie muss präzise definiert sein. Nach Art des Küchenzurifs: Sag’s mir in zwei Sätzen.

Nein.

Sag’s mir in einem Satz: What’s the story?

Und, siehe oben: Was ist der iconic sound der Geschichte? Der eine charakterisierende Klang?

Und dann erst rausgehen und das Material dafür gezielt sammeln.

Poul Madsen

Was ich natürlich dann prompt nicht so gemacht habe und mit einem Riesenpacken an allesamt interessantem Material zurückgekehrt bin. Wofür ich nur einen winzigen Teil für einen bestimmten Aspekt des Gesamtthemas verwendet habe. Das war natürlich auch durch die kurze Probe-Produktionszeit bedingt.

Ich wollte aus naheliegenden Gründen etwas über den Hamburger Krav Maga-Club, dessen Trainer ich flüchtig kenne, machen. Der war auch interessiert, zumal ich ihm versprochen habe, ihm zusätzlich aus dem Material einen kleinen Selbstdarstellungsfilm für seine Homepage zu basteln. Dafür arrangierte er Trainingsbesuch und Interviews mit Teilnehmern in einem Tagungshotel.

Ursprüngliche Idee: Was mit/über Gewalt machen – Krav Maga ist eine handfeste, harte israelische Selbstverteidigungsmethode. Zunehmende Gewalt, zunehmende Unsicherheit auf den Straßen deutscher Großstädte. Das gibt’s doch in Frankfurt, Hamburg, Berlin.

Henrik KastenskovHenrik war das noch zu vage. What’s the story? … Warum trainieren diese Leute das? Fühlen sie sich wirklich gefährdet? Ist es ein exotisches Hobby? Ich wollte dann normale Bürger mit Menschen kontrastieren, deren Beruf die Sicherheit anderer ist – Polizei- und JVA-Beamter.

Schließlich lief es darauf hinaus, zwei Frauen in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen: Eine eher schüchterne, die ihre Selbstsicherheit verbessern will und eine recht resolute, die Kampfsport machen will – aus Fitness- wie praktischen Gründen, eben der Selbstverteidigung. Die Sicherheitsprofis schieden kurzfristig aus – sie wollten ihre Gesichter nicht im Internet sehen.

Henrik und Poul halfen am Flipchart, die Storyline zu entwickeln. Den „hook“, das „setup“, die „breadkrumbs“ auf dem Weg zur „Climax“ bzw der „hint“ auf den „payoff“ – und schließlich den „payoff“ für den Zuschauer. Die Kontrastpositionen und Spannungswechsel. Das Verhältnis zwischen guten und mäßigen Bildern und gutem und mäßigen Tönen.

Und mehr verrat‘ ich jetzt nicht. Ich verliere ja sonst meinen Vorsprung. 😉

Ich hab‘ zuviel aufgenommen. Meine Akkus – also die der Kamera – liefen leer, die Graffiti-Bilder sind zu nächtlicher Stunde als Not-Aufnahmen mit dem iPhone entstanden. Die Citylights-Bilder in aller Eile um Mitternacht am Dammtor entstanden. Ich hab zu spät angefangen mit dem Editieren. Es gab technische beim Datentransfer von 30 Gigabyte Material von einem zum anderen Rechner. Ich fing überhaupt erst am dritten und letzten Tag des Workshops gegen 10.30 Uhr an mit dem Sichten, Auswählen, Zusammenstellen und Schneiden des Materials. Deadline um 14 Uhr. Dann – nicht nur wegen mir – auf 15 Uhr verschoben.

Kastenskov und Madsen

Es half nichts. Ich kann ein Resultat vorweisen. Einen „rough cut“, der einen Eindruck vermittelt, wohin die Reise gehen sollte. Aber Videos, Fotos und Töne sind nur entlang der Storyline zusammengestellt – und so gut wie überhaupt nicht bearbeitet. Und eine Textdoublette habe ich in der Hektik auch reingeschnitten.

Aber da wird es ein überarbeitetes Update geben. Eher weniger in ein paar Tagen als in ein paar Wochen. Aber ich möcht‘ schon wissen, was man draus entstehen kann, wenn mehr Zeit und Konzentration zur Verfügung steht.

So sieht’s aber erst mal momentan aus:


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