Multimedia in der Sackgasse

Oliver

“Online Journalism as it could be” lautete der Untertitel des einleitenden Vortrags der Bombay Flying Club-Mitglieder Henrik Kastenskov und Poul Madsen beim Multimedia-Workshop in Hamburg neulich. Dieser stellte sich als programmatisch heraus – denn die außer MediaStorm und DuckRabbit wohl bekanntesten Multimedia-Bastler vom BFC bekannten wohl oder übel, dass auch sie nicht (alleine) von ihren anspruchsvollen Projekten leben können.

Für die täglichen Brötchen braucht es schon ein paar – ja, eben – “bread & butter”-Jobs und auch das Sponsoring durch den Kamerahersteller Canon. Der Bombay Flying Club – benannt nach einem Flieger-Club in Mumbai (Poul Madsen verbrachte 2005 dort einige Zeit als Praktikant des “Indian Express”) – will eine richtige Agentur werden. Derzeit ist er nichts weiter als ein Name, unter dem die drei Mitglieder zeitweise zusammen arbeiten. Und ein Netzwerk an freiberuflichen Journalisten und Programmierern nutzen. Dabei produzieren sie auch die Werke anderer Fotografen, d.h. entwickeln Storyline und -telling als Auftragsarbeit; außerdem verdienen sie Geld als Workshop-Referenten.

Dennoch glauben sie an die Zukunft des Multimedia-Journalismus. Weil so viel Jobs bei den US-Medien weggefallen sind. Weil das Geld vom Printsektor ins Internet abwandert. Weil Video mehr denn je und mehr als vieles andere im Internet angesehen wird.

Weil es keine Platz- und keine Speicherplatzprobleme gebe. Weil es immer schnellere Breitband-Internetverbindungen gibt. Weil TV und Internet endgültig verschmelzen würden. Weil es Tablet-PCs und papierzeitungsartige Displayfolien geben werde. Weil es Micropayment geben werden müsse.

(Ich lass’ das mal unkommentiert stehen.)

Allerdings: Das alles werde kurz- und mittelfristig dazu führen, dass mehr Schund & Schmutz angesehen werde. Langfristig aber, so sind sich die beiden sicher, werde genau das zum Aufschwung von Qualitäts-Inhalten führen: Die User würden die Billig-Inhalte bald leid sein (die ungebrochen – ökonomisch – erfolgreiche Geschichte der Pornografie spricht eher gegen diese Einschätzung).

In den ausgedünnten Redaktionen werde es aber niemand geben, der die anspruchsvollen Inhalte produzieren könne. Dann schlage die Stunde der freiberuflichen Spezialisten. Multimedia wird demgemäß zukünftig von Freelancern gemacht, weil in den Redaktionen dafür keine entsprechenden Ressourcen vorhanden sind.

Aber: Erfolg werde nur haben, wer über vielerlei journalistische wie technische Fähigkeiten verfüge. Wer als One-Man-Band bestehen und/oder auf ein Netzwerk an Spezialisten zurückgreifen können. Und das heißt schließlich und endlich: “Working for companies, organizations etc. who have money (not print media).”

Also: Not print media.

Multimedia werde eigentlich nur von NGOs (im Falle des BFC etwa das Rote Kreuz oder Human Rights Watch) und ähnlichen Institutionen bezahlt. Tageszeitungen zahlten nur lächerliche Honorare. Beispiel Madsen: Für wochenlange Arbeit mehrerer Leute etwa 600 Euro.

Nur: Welcher Art von Journalismus wird das dann sein, der von Organisationen und Firmen bezahlt wird? Vermutlich doch eher interessensgesteuerter und weniger unabhängiger? Ich gebe zu: Die Workshop-Teilnehmer, fixiert auf den Praxis-Part, haben diese Frage nicht gestellt…

Die berühmten “Afghan Diaries” von Kastenskov wurde innerhalb eines Monats produziert, das Projekt “Wasteland” immerhin in zwei Wochen. Dennoch gerät vor diesem Hintergrund eine anspruchsvolle Multimedia-Produktion bei Tageszeitungen wohl in eine Sackgasse, weil diese eben keine qualitativ aufwändigen Stücke bezahlen können. Nicht in der derzeitigen Situation jedenfalls. Und intern fehlt in den Redaktionen in der Tat die Zeit und das Geld.

Dass ich meine beiden Video-Kolumnen in meiner offiziellen Arbeitszeit produzieren kann, darf im Falle meines Arbeitgebers als Privileg gelten. Ich komme dem Arbeitgeber aber auch insofern entgegen, als dass Knowhow-Entwicklung auf Kosten meiner zeitlichen wie finanziellen Ressourcen gehen. Gut, diese Kompetenz kann ich verwenden und verwerten, wenn ich mich mal anderweitig umschauen muss. Müßte. Selbständige Arbeit liegt mir schon.

Man kann auch dem Arbeitgeber und dem Mutterhaus keineswegs den Vorwurf machen, kein Geld in die Online-Entwicklung seiner Zeitungshäuser zu investieren. Ein neues, gemeinsames Redaktionssystem für alle Blätter. Ein neues, gemeinsames Content Management System für alle Online-Auftritte des Verlages und seiner Blätter. Dies zur besseren Produktion, zum besseren Austausch, zum weitergehenden crossmedialen Schaffen.

Multimediale Inhalte zu produzieren wird vielleicht ein nächster Schritt sein. Oder einer der nächsten Schritte. Irgendwann. Derzeit aber ist High-Quality-Multimedia nach meiner Erfahrung in Tageszeitungs-Newssites tot, weil sie sich dort nicht entwickeln können: Keine Honorartöpfe für Freie, keine Zeit für die festangestellten potenziellen Multimedialisten.

Das hat freilich auch mit dem Anspruch an Tagesaktualität zu tun. In wenigen Stunden produziert man eben keine großartigen Multimedia-Stücke. Unabhängig davon ist die Debatte noch offen (etwa hier…), ob es sich tatsächlich lohnt, große Multimedia-Packages zu produzieren, wenn diese schnell von prominenten Plätzen der Online-Präsentation durch neue aktuelle Inhalte verdrängt werden.

Es gab schon die Losung, dass aufwändig produzierte Multimedia-Shows keinen Sinn ergeben, weil sie einmal präsentiert nach wenigen Stunden oder Tagen in eine mehr archivarische Ecke wandern und von niemandem mehr entdeckt werden. Daher seien schnelle tagesaktuelle Stücke bevorzugt zu produzieren – ein Feld, auf dem ich mich derzeit bewege. Zu Newssites passen tatsächlich wohl eher einfache Video-Kolumnen wie “Volltreffer” und “Eintracht aktuell”. Bei Produktionszeit von wenigen Stunden oder von einem auf der anderen Tag ist gar nicht mehr möglich.

Andererseits entwickele ich dabei mehr und mehr Routine, und der Wunsch nach neuen Herausforderungen taucht auf. Umfassende, intensive Sportler-Porträts etwa. Bei denen man diese mehrere Tage begleitet. Aber – siehe vorstehend.

Summa summarum: Ich würde derzeit keinem hungrigen Online-Journalisten den Rat geben, sein Heil in der multimedialen Selbständigkeit zu suchen. Und Poul Madsen tut das auch nicht. Als ich ihm sagte, ich hielte es trotz allem für besser, die Festanstellung bei einer renommierten Tageszeitung beizubehalten wegen Gehalt, sozialer Absicherung, Urlaubsanspruch etc, stimmte er mir zu. Und räumte ein, dass er vielleicht immer noch als Fotograf bei seinem früheren Blatt sei, wenn dieses nicht bankrott gegangen wäre.

Dennoch träume ich den Traum vom Dasein als Multimedia-Journalist weiter.


2 Responses to “Multimedia in der Sackgasse”

  • Oliver Says:

    Nun, an der Optimierung des Workflows gerade in Hinsicht auf die Balance zwischen Schnelligkeit und Qualität arbeite ich ja recht intensiv. Davon erzählt ja dieses Blog immer wieder; das ist ja eigentlich die Fahne, die ich vor mir herschwenke: “Multimedia in der Alltagsproduktion” steht da drauf ;-)

    Da bremsen einen noch so optimierten Workflow gelegentlich Banalitäten. Ein Beispiel: Full-HD 1080i-Datenmaterial umfasst einige GB nach der einen oder anderen Stunde Filmerei – und bis die dann von der Kamera auf Laptop oder Desktop übertragen sind, kann es schon mal 20 oder mehr Minuten dauern – schneller Cardreader hin oder her. Mit einer Deadline in zwei bis drei Stunden kann das schon ganz schön viel sein. Zumindest gefühlt ist das eine lange Zeit.

    Ansonsten, natürlich sollte mein Beitrag keine völlige Absage an Multimedia in der Alltagsproduktion sein. Sondern mehr die Frage stellen, wie man aus der Sackgasse rauskommt…

    Und ich bleib dran, so viel steht fest.

  • erz Says:

    Bei allem Respekt den ich vor den wirklich aufwändigen Produktionen habe, glaube ich, dass es um mehr als das Warten auf die richtige Gelegenheit geht. Es gilt, sich Workflows zu erarbeiten, die eine Balance aus Wertigkeit und Geschwindigkeit bieten. Da gibt es noch einiges an Optimierungspotential, sowohl was die Geschwindigkeit qualitativ herausragenden Materials angeht, als auch was die Aufwertung schnell produzierter Inhalte angeht.

    Ein Arbeitsaufwand, der planbare Resultate und steigende Qualität von einem Tag bis zu mehreren Wochen garantiert, der würde sowohl für tagesaktuelle Beiträge, als auch tiefergehende Reportagen (die ja auch ohne Multimedia im Magazinjournalismus weiterhin existieren) in Frage kommen. Für letzteres ist natürlich wichtig, dass ein Beitrag sich nicht in unzugänglichen Onlinearchiven versendet – aber wenn niemand versucht, diese fehlerhafte Verwertungslogik von der Produzentenseite mit aufregenden Inhalten aufzubrechen, die neue Rezipienten für eine Publikation gewinnen können, ändert sich am Status Quo ja auch wenig.

    Bei den Entwicklungen, die ich so mitverfolge (und an denen ich mich mittlerweile bemühe, tatkräftig mitzuwirken) bin ich vorsichtig optimistisch, dass “beeindruckende” Inhalte mit vertretbarem Aufwand produziert werden können. Kreative Innovation ist der entscheidende Faktor, neue Lösungen mit bestehenden Tools zu entwickeln. Das, so merke ich in meiner bescheidenen Erfahrung, wird auch von den Lesern schnell honoriert und führt zu einer positiven Rückkopplung von Verbesserungsvorschlägen, alternativen Lösungen und wachsender Erfahrung. Multimedia ist ja mehr, als ewig viel Bildmaterial zu sammeln und dann in stundenlanger Kleinarbeit am Schneidetisch zu optimieren.

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