Multimedia: Nicht richtig schwimmen, radfahren, laufen können

Oliver

Dan Chung, einer der Vorreiter des HDSLR-Newsjournalismus‘ – wenn man das so nennen will – mit seinem DSLR News Shooter-Blog, hat dem polnischen Journalisten Janek Zdzarski Gelegenheit gegeben, über seine Arbeit mit der Canon 7D fürs polnische Fernsehen zu berichten.

I’m the freelance correspondent of Polish TV station Polsat News and have been based in China for almost 4 years. The arrival of the Canon Eos 7D marked my evolution into a DSLR news videographer – I now shoot all my TV reports on the 7D.

Es folgt ein längerer Berucht, den ich in Auszügen zitieren will, weil sich das Beschriebene mit meinen Erfahrungen deckt. So berichtet Zdzarski:

Fellow media people at press events here still give me a strange look when I appear with my 7D to shoot TV. Luckily enough when I go out to shoot in the field with the 7D the Chinese people around me think I’m just another tourist with a photo camera.

Segen und Fluch: Tatsächlich fragen mich bei fast jedem Termin Kollegen nach den technischen Spezifikationen der 5D Mk II und nach Vorzügen wie Nachteilen. Außer denen ist aber fast kaum jemand in der Lage, die Videoqualitäten der Hybrid-Kamera wahrzunehmen. Folge: Es rennen einem mehr Leute ins Bild als das beim bloßen Fotografieren schon der Fall ist, vor allem dann, wenn man die Kamera auf dem Stativ montiert vor sich hinfilmen läßt. Gleiches gilt in fast schlimmerem Umfang für die Töne. Umherum wird fröhlich gequasselt, und auch das Richtmikrofon auf der Kamera schnappt davon noch genug auf. Manchmal ergibt das authentischen Umgebungssound, manchmal eine Katastrophe.

Bei den bisherigen Interview-Terminen für die Frankfurter Rundschau war es obendrein so, dass den Gefilmten nicht klar war, dass eine Kamera mitlief. Selbst wenn sie mehr oder weniger direkt vor ihnen stand und ich damit herumhantierte. Das führte dazu, dass die Interviewten zwar ihre Stimme und ihre Aussagen unter Kontrolle hatten, nicht aber die Mimik (was bei einer richtigen Pressekonferenz mit TV-Teams obendrein der Fall wäre). Das klingt auf den ersten Blick nützlich – ist es aber insofern nicht, als dass ein verantwortungsvoller Journalismus nicht die Absicht haben kann, jemanden bewusst zu blamieren oder zu desavouieren. Also steht zur Überlegung, besagte Szenen nicht zu verwenden und rauszuschneiden. Schade, wenn dann in diesen Passagen eine spannende Aussage getroffen wurde und man eine externe Audio-Aufnahme nicht einbauen kann.

Wenn ich das Schulterstativ nutze – oder man die Kamera mit einem Viewfinder ausgestattet direkt ans Auge hält wie einen Fotoapparat – ist das natürlich nicht so. Vielmehr: Nicht ganz so, aber in Ansätzen. D.h. tatsächlich, dass man offen und doch verdeckt filmen kann, wie Zdzarski schreibt. Aber mit den etwaigen „Kollateralschäden“ für Bild und Ton.

I’ve always been a big fan of multimedia and am fascinated with the tools that make it easier to create a video report. I believe that very soon most newspapers will have a video content on their sites, not just the big ones. (…) I was using regular video cameras, the Panasonic AG DVX100, Sony PD150 and Z1. For unobtrusive field work I was carrying my small Sanyo Xacti 1010HD. But then 7D appeared. The image quality, ability to shoot in low light and portability are the things that make this camera a dream tool for me. I usually equip mine with the a LCDVF LCD loupe to make viewing the back screen easier, a small stabilizing rig and sometimes a monopod. For audio I mount a Zoom H4N audio recorder to the camera and then sync it with the camera’s audio track using PluralEyes from Singular software.

…schreibt Zdzarski weiter und nennt damit ein paar typische State-of-the-art-Mittel, ob Hard- oder Software. Ich nutze freilich ein Sennheiser-Richtmikro auf der Kamera und einen Zoom H2 extern, dessen Audio ich dazu schneiden kann. Nach ein paar Scharfstellungsproblemen über den Liveview der 5D Mk II (egal ob Manuell oder Autofokus) steht ein Viewfinder auf meiner persönlichen Wunschliste ganz oben. Und vermutlich der kostengünstigere LCDVF als der von Zacuto. (Mehr zu meinem Equipment…)

Zdzarski meint (und erntet in den Kommentaren zu seinem Beitrag heftigen Widerspruch):

Moving pictures are rapidly taking place of stills. Generally my view is that people are bored and fed up with stills, they don’t have time or will to scroll pages full of pictures online. The video format makes it easier, especially when you add some visual devices like timelapse or maybe some stills – this makes the story visually more attractive. That kind of moving news feature or report can reach a far broader audience and the new video DSLR’s are the perfect tool to make this thing happen.

Im Kontext mit der kürzlichen Diskussion der deutschen Multimedia-Vorreiter um Pro und Contra der Audioslideshows (hier…, hier…, hier… und hier…) würde ich dem zustimmen. Gute und schlechte Videos mögen letztlich nicht kürzer, bündiger oder stringenter als gute und schlechte Audioslideshows sein – aber die Schwelle sie anzuklicken ist meiner Erfahrung nach niedriger. Eine Audioslideshow kommt häufig mit der Message „Achtung! Aufwändig! Schwere Kost, mal in einer ruhigen Minute ansehen“ daher – und die ruhige Minute kommt nie, die Audioslideshow bleibt damit unbeachtet. Ein Video klickt man dagegen schnell mal an… (und im Video kann man ja Stills unterbringen – ein Grund, warum ich die Video-Audio-Fotokombis den jeweiligen puren Ausführungen vorziehe. Man kann dann den Videopart als Einstieg und als Trägermedium zu den Stills bzw. der Stills verwenden).

Auch Zdzarski betont die Wichtigkeit des MediaStorm-Postulats „Get good audio!“ und kann mit einem schönen Vergleich aufwarten:

I also need to take care with the audio (as one of my friend said: in the film the good light means good sound). The other area a photographer coming to DSLR video needs to learn and manage is the editing. It evolves more senses and more dimensions than straight stills. Take time to learn all these things.

Deswegen wird sich kaum als Multimedia-Journalist professionalisieren können, der nicht all die Melodien und Rhythmen von Fotos, Audio, Video, Storytelling und Editing/Postproduction zu einem halbwegs stimmigen Lied zu vereinen weiß. Die Zeiten, wo man mit Notizblock und Stift auskam, sind vorbei. Für mich bedeutet all die Lernerei sicherlich auch Stress – aber vor allem bin ich fasziniert von dieser wunderbaren neuen Welt, die es zu entdecken und zu gestalten gilt.

Ein bißchen Trost spendet Zdzarski übrigens:

I’d like to take the opportunity here to really encourage photographers to learn how to edit and produce a video features. Don’t get me wrong, I’m not saying that photography is about to die; for me video is another challenge and as said before – the video story can reach the broader audience.

P.S.: In den Kommentaren erfährt Zdzarski ziemlich harsche Kritik ob seiner Stücke aus China – vor allem wird ihm mangelndes Storytelling vorgeworfen. Dererlei Anwürfen setzt seitens von Spezialisten in den jeweiligen Disziplinen setzt man sich natürlich aus, wenn man sich als Multi-Media-Reporter, also Allrounder, versucht. Aber ich lebe ja in meinem sportlichen Leben als Triathlet auch damit, dass ich nicht richtig schwimmen, radfahren und laufen kann – im Verhältnis zu den Spezialisten.


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