Vagabunden sind in der Stadt

Im Pyrenäen-Dorf Ansó

Von Bardenas Reales sind haben wir dann die Schnauze unseres Fahrzeuges wieder in Richtung Hochpyrenäen gelenkt, genauer in Richtung Ordesa-Nationalpark. Zwei reizvolle Täler liegen dabei auf dem Weg: das Valle de Ansó und das Valle de Hecho – und auf einer kleinen Gebirgsstraße kann man vom einen ins andere wechseln.

In Ansó übernachteten wir auf einem kleinen Campingplatz und sahen uns am Folgetag das Dorf an, das zu den hübschesten in Spanien zählt (erklärte zumindest ein Schild am Ortseingang). Auch Hecho widmeten wir einen Rundgang und kauften etwas Käse auf dem Markt. Unser Reiseplan ließ freilich keinen längeren Aufenthalt zu – wir wollten das Ordesa-Tal noch an diesem Tag erreichen.

Die Ver- und Entsorgungssituation des Unimogs ließ uns auf einem Campingplatz nahe Torla übernachten – gegenüber dem frei und unabhängig Campieren ist das schon ein ziemlich krasser Kontrast.

Reinhard Mey hat mal ein Lied mit dem Titel „Musikanten sind in der Stadt“ (oder so ähnlich) verfasst – und da geht es um den Gegensatz zwischen wilden, frei vagabundierenden Menschen und den ängstlichen, ortsfixierten Städtern. „Musikanten sind in der Stadt“, d.h.: Bürger, bringt eure Töchter in Sicherheit!

Unter Wohnmobileigenheimbesitzern

Und „Töchter“ steht in dem Zusammenhang, so würde ich interpretieren, für den um sein Eigenheim, seinen Parkplatz vor der Tür, seinen Jägerzaun und seine mühsam erworbenen Besitztümer bangenden Bürger schlechthin, während die „Musikanten“ für Lebenslust, Freiheitsliebe und Unabhängigkeit stehen.

Wir kamen uns auf dem Campingplatz mit dem Grünimog wie „Musikanten“ unter lauter Wohnmobileigenheimbesitzern vor. Am nächsten Morgen sahen wir mit Erschrecken die Schlange an Wanderwütigen vor dem Bus wartend, der sie und uns in den acht Kilometer entfernten Ordesa-Nationalpark bringen sollte – und diese Busse verkehren alle Viertelstunden zwischen sechs und 22 Uhr.

Im Ordesa-Nationalpark ist man, das kann man in jedem diesbezüglichen Reiseführer lesen, nicht wirklich alleine. Wir marschierten rund 25 Kilometer in sechs Stunden das Tal hoch und wieder hinunter und machten zwischendurch Rast an einem der zahllosen hübschen, kleinen Wasserfälle. Wer mal die isländischen Wasserfälle aus nächster Nähe gesehen hat (siehe etwa Dettifoss) , für den verschieben sich die Dimensionen.

Die Wanderung war dennoch anstrengend, und so beließen wir es im benachbarten Canon de Anisclo bei einer 15-km-Rundtour um die Dörfer Sarcué und San Urbez. Dabei erlebten wir die lautloseste Nacht meines ganzen Lebens auf einem Wanderparkplatz, meine ich. Es war völlig still – kein Wind, kein Lufthauch, keine Tierstimme, kein Flugzeug, kein Fahrzeug. Ein wolkenloser Himmel präsentierte in einer klaren Nacht alle Sterne weit über uns, ganz alleine.

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